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KINO: «Harry besass ein grosses Herz»

Am Filmfestival Locarno stakste er durch eine karge Wüstenlandschaft: Altstar Harry Dean Stanton in seiner letzten Rolle. Regisseur John Carroll Lynch hatte ihm mit «Lucky» ein filmisches Denkmal gesetzt.
Rolf Breiner
Der 91-jährige Harry Dean Stanton, er verstarb vergangenen September, ist «Lucky», ein Alt-Cowboy und Griesgram, der sich als Seelenmensch entpuppt. (Bild: Xenix Film)

Der 91-jährige Harry Dean Stanton, er verstarb vergangenen September, ist «Lucky», ein Alt-Cowboy und Griesgram, der sich als Seelenmensch entpuppt. (Bild: Xenix Film)

Interview: Rolf Breiner

Am Fusse von Kakteen kriecht eine Schildkröte gemächlich in die «Freiheit», die Landschildkröte namens «Präsident Roosevelt» hat ihren «Besitzer» Howard (David Lynch) verlassen. Das kümmert den Alt-Cowboy Lucky nicht die Bohne. Nach morgendlichem Ritual stiefelt der Mann in Cowboy-Boots und -Hut von seiner Wohnung zum Restaurant, um zu frühstücken und Kreuzworträtsel zu lösen. Zurück zum Haus, um bei irgendwelchen Gameshows oder Quizsendungen am Fernsehen die Zeit totzuschlagen. Abends trifft sich dann der schlaksige Methusalem, eine Art «Lucky Luke» in Rente, in seinem Stammlokal mit Freunden und Gästen, um Alltägliches zu bequatschen, besonders aber Lebensphilosophisches zu diskutieren. Da geht es um Realismus und die Wahrheit, um Einsamkeit und Ängste, nicht zuletzt um «Ungatz» (ein Ausdruck bei italienischen Einwanderern und der Mafia gängig), sozusagen der Weisheit letzter Schluss.

Zur Stammtischtheke gehö­ren die Wirtin, die Dauerraucher Lucky das Rauchen im Lokal verbietet, Howard mit der verlorenen Schildkröte, ein «Eindringling», von Lucky verspottet, beschimpft, und andere Gestalten. Der gleichförmige Alltag des notorischen Griesgrams Lucky wird durchbrochen, als er die Einladung einer Mexikanerin zum Geburtstag ihres Sohns annimmt. Lucky entpuppt sich als Seelenmensch, der mit seinem mexikanischen Lied alle zu Tränen rührt.

Die wohl innigste Szene des Films, den John Carroll Lynch mit und um Altstar Harry Dean Stanton inszeniert hat. Wenn sich der 91-Jährige als Lucky im Wüstenstädtchen bewegt, redet oder auch nur den lakonischen Beobachter spielt, kommen Erinnerungen auf an Filme wie «Paris, Texas» von Wim Wenders, an «Wild at Heart» oder «Twin Peaks» von David Lynch (auch in der jüngsten Staffel wirkte H.D. Stanton mit). Hier mimt nun er mit stoischer Ergebenheit und Hingabe den abgedankten Cowboy, der Angst hat, gleichwohl als Atheist der nahen Zukunft (Tod) gelassen entgegensieht – ein Ende mit einem Lächeln. Wenige Wochen (am 15. September 2017) nach der Aufführung von «Lucky» am Filmfestival Locarno starb Harry Dean Stanton in Los Angeles.

John Carroll Lynch, eine unvermeidliche Frage: Sind Sie verwandt mit David Lynch, der im Film «Lucky» mitspielt, und unter dessen Regie Harry Dean Stanton einige Rollen spielte?

Absolut nicht, es gibt keine ­familiäre Verbindungen. Manche glauben, er sei mein Vater, aber das stimmt nicht.

Wie kam David Lynch zur Rolle in Ihrem Film?

Wir schauten uns um, wer Howard spielen könnte, und es war Harry, der David Lynch vorschlug und ins Spiel brachte. Ich hatte Harry und David zusammen im Dokumentarfilm «Partly Fiction» gesehen, sie hatten viel Spass zusammen. Das war eine Riesenchance. David drehte die neuste Staffel von «Twin Peaks», er konnte für zwei Tage zum Dreh freimachen, und er kam, weil er Harry sehr mag.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem berühmten Regisseur und Künstler?

David bewegte sich hervorragend vor der Kamera und agierte sehr respektvoll. Seine Darstellung mit viel Herz war ausgezeichnet.

Harry Dean Stanton spielte irgendwie sich selbst. Wie viel von ihm steckte in der Figur Lucky?

Lucky ist ein einsamer Mensch – im Gegensatz zu Harry, der keine Probleme hatte, allein zu sein. Er hatte lange Freundschaften, die seit 15, 16 Jahren andauerten. Er war viel am Telefon, sah Leute jeden Tag. Er war eindeutig nicht der einsame Cowboy und lebte nicht am Rande der Wüste, sondern im Herzen Los Angeles. Harry besass ein grosses Herz.

Wieweit hat Harry Dean Stanton den Film beeinflusst, ihn selber geprägt?

Vieles ist vom ihm inspiriert worden, ist aus seinem Leben gegriffen wie das Rätsellösen oder die Vorliebe für Gameshows. Aber ­­ es gibt natürlich grundsätzliche Unterschiede: Harry ist viel kühler und smarter als Lucky.

Ihr Film hat philosophische Ansätze, handelt von Einsamkeit, Alter und Tod.

Ja, aber er befasst sich auch mit der anderen Seite, mit gesellschaftlichen Kontakten und Verbindungen. Lucky entdeckt sie irgendwann. Im Mittelpunkt des Films steht das Leben – nicht der Tod, obwohl er eine Rolle spielt. Lucky ist zwar 91 Jahre alt, verhält sich aber wie ein viel jüngerer Mann.

Es gibt einen Moment im Film, als Lucky einen Blackout hat, ihm schwarz vor Augen wird. Ein Warnzeichen?

Viele Menschen in diesem Alter erleben das mal. Das kann der Anfang vom Ende sein. Lucky rüttelt das auf, verstärkt die eigene Lebenssensibilität, berührt seine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, die ihm sehr wichtig sind.

«Lucky» ist eine Hommage an den Schauspieler Harry Dean Stanton. Was hat Sie an diesem Menschen fasziniert?

Seine Arbeit hat mich fasziniert, seine enorme Präsenz, sie scheint leicht, ja mühelos. Man kann seine Augen nicht abwenden. Am Ende der Dreharbeiten ist er ein Freund geworden.

War er von Anfang an im Spiel?

Wir hätten den Film ohne Harry Dean Stanton nicht gedreht. Die ­Autoren Logan Sparks und Drago ­Sumonja schrieben das Buch, von Harry inspiriert, ohne dass der davon wusste. Wir gaben ihm das Buch, er las es und er sagte: Ja! Wir haben dann im Juni und Juli 2016 gedreht – insgesamt 18 Tage über fünf Wochen in Los Angeles und Arizona.

Wie fit war Harry Dean Stanton dazumal?

Er war fragil, aber auch belastbar, er hat im Film alles selber gemacht: «It’s all Harry.»

Hat er den Film gesehen?

Nein, wir haben eine Aufführung organisiert, aber er konnte nicht. Wir haben ihm einen Link zum Visionieren geschickt, ­­aber er wollte nicht. Er wollte den Film auf der Leinwand, nicht auf dem Bildschirm sehen. Er sah den Trailer.

Hinweis

«Lucky», ab Donnerstag im Kino.

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