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KINO: Gefangen in Schönheit

Paul Thomas Anderson, einer der grossen Ästheten Hollywoods, übertrifft sich selbst mit dem kunstvollen Drama «Der seidene Faden» aus einer feinen Londoner Schneiderwerkstatt.
Daniel Kothenschulte
Der Perfektionist: Daniel Day Lewis als Schneider Reynolds Woodcock. (Bild: Universal)

Der Perfektionist: Daniel Day Lewis als Schneider Reynolds Woodcock. (Bild: Universal)

Daniel Kothenschulte

Mit jedem neuen Film, den Paul Thomas Anderson dreht, entfernt er sich etwas weiter von Hollywoods Filmindustrie, die ihm seine ehrgeizigen Werke aber immerhin ermöglicht. Mit dem Blockbuster-Kino haben sie auf den ersten Blick nur noch so wenig gemein wie handgefertigte Schneiderkunst mit Produkten der Modeketten. Natürlich ist ­Filmemachen immer zu grossen Teilen Handarbeit. Nur scheint es die digitale Hochglanzware um jeden Preis unsichtbar machen zu wollen. Visuelle Handschriften dringen kaum noch durch.

Dagegen sehen Andersons Filme aus wie aus einer anderen Zeit. «There Will Be Blood» erinnerte in seiner epischen Wucht an die grossen Melodramen der Fünfzigerjahre, an Filme wie «Giganten» mit James Dean – und war doch zugleich weit kompromissloser in seiner monolithischen Form. Seinen letzten Film «The Master» brachte Anderson in den USA sogar im kostbarsten Filmformat heraus, das Hollywood hervorbrachte, dem breiten 70 Millimeter.

Vielfältige Leiden eines Perfektionisten

«Der seidene Faden» («Phantom Thread») macht dieses Interesse an einer bedrohten Handwerkskunst nun selbst zum Thema. Im London der Fünfzigerjahre spielt Daniel Day Lewis den Schneider Reynolds Woodcock, einen der feinsten Vertreter seiner Zunft. Seine Roben sind die erste Wahl für die Damen einer Oberschicht, die sich wieder traut, Luxus zu zeigen. Die Queen ist gekrönt, der Bombenkrieg ein gutes Stück vergessen, man darf wieder geniessen. Doch obwohl der Konservatismus der beste Garant für das Luxushandwerk sein müsste und die Bücher voll sind, scheinen die besten Tage von Woodcocks Manufaktur bereits vorbei. Die Zeit, in der Kunst und Handwerk unzertrennlich schienen, ist von der Moderne abgelöst. Und das Feinste ist nicht unbedingt auch das Modischste. Das Zeitlose scheint bedroht vom Primat des Flüchtigen. Ob Anderson ­damit vielleicht auch den Zustand der Filmkunst meint?

In einem macht Woodcock niemand etwas vor: Seine Kleider umschmeicheln die Körper der Trägerinnen so vorteilhaft wie viktorianische Gemälde ihre Porträtierten. Kein Wunder, dass sie sich oft nicht mehr davon trennen wollen. In einer herrlichen Szene erfährt Woodcock, dass eine Kundin nach durchzechter Nacht mit seinem Meistwerk ins Bett gefallen ist. Gemeinsam mit seiner Assistentin und späteren Ehefrau Alma (Vicky Krieps) dringt er in ihre Wohnung ein, um das gute Stück zu retten.

Alma ist ihm als Kellnerin begegnet. Mit souveränem Lächeln hat sie zur Freude des Perfektionisten eine endlose Frühstücksbestellung aufgenommen und in makelloser Weise ausgeführt. Wer glaubt, ein englisches Frühstück wäre immer üppig, kann sich in drei Szenen anschauen, wie weit man diese Kultur noch treiben kann. Anderson inszeniert diesen Moment wie man im klassischen Kino die «Liebe auf den ersten Blick» beschrieben hätte. Im alten Hollywood war die Poesie des Zufalls in solchen Fällen eins mit der Sensation ­physischer Schönheit. Jede einzelne Szene von Andersons überlangem Films beschwört diesen Ästhetizismus, doch nur, um ihn zugleich zu problematisieren. Denn wie soll ein Ästhet wissen, ob er etwas wirklich liebt oder einfach nur schön und vollkommen findet?

Erst im letzten Drittel gerät dieses Konstrukt für ihn ins Wanken. Um aus der Rolle eines weiteren Schaustücks im durchdeklinierten Leben dieses Perfektionisten und Patriarchen zu treten, muss Alma die Kontrolle über ihn gewinnen. Wie hier eine Beziehungsgeschichte von Dominanz und Untergebenheit jenseits des Erotischen verhandelt wird, darf man nicht verraten. Aber man kann es sich ein wenig vorstellen, wenn man dabei an Alfred Hitchcocks melodramatische Thriller um unterschwellige Leidenschaften denkt, etwa an «Rebecca».

Nun in der ersten Reihe der Hollywoodstars

Makellos choreografierte Kamerafahrten machen Gruppenszenen zu seltenen Schaustücken und zelebrieren die Arbeit in der Schneiderwerkstatt ebenso wie die opulenten Partyszenen. Jonny Greenwoods Filmmusik, ein fein gewobenes, mäanderndes Klavierkonzert, umhüllt die Eleganz wie eine von Woodcocks federleichten Roben. Soviel Schönheit ist im Kino meist nur dann zu ertragen, wenn sie selbst zum Thema wird. «Der seidene Faden» beschreibt eine untergehende Kultur im Moment ihrer schwülen Blüte. Für Alma wird er zum goldenen Käfig. Die Luxemburgerin Vicky Krieps hat sich mit dieser Rolle in die erste Reihe der Hollywoodstars gespielt.

Es ist ein Film von berauschender Schönheit, sein einziges Problem ist, das seine Perfektion wie in der Geschichte auch ein Gefängnis ist.

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