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KINO: Er sieht anders aus. Na und?!

Der Film «Wonder» erzählt die Geschichte von Auggie, der mit einer schweren Hauterkrankung auf die Welt kam. An der Vorpremiere sassen auch Kinder mit Hautauffälligkeiten im Publikum.
Regina Grüter, Zürich
Auggie (links) mit seiner Mutter Isabel, gespielt von Julia Roberts. (Bild: Impuls Pictures)

Auggie (links) mit seiner Mutter Isabel, gespielt von Julia Roberts. (Bild: Impuls Pictures)

Regina Grüter, Zürich

«Ich bin ein ganz normaler Junge. Nur, ich sehe nicht normal aus», sagt der zehnjährige Auggie Pullman (Jacob Tremblay). Ohne Helm fühlt er sich unwohl. Aus Angst vor der Reaktion auf sein Gesicht senkt er den Blick zu Boden. Einen ersten Eindruck von Fremden bekommt er über die Schuhe, die sie tragen. Auch den neuen Schulkameraden begegnet er auf diese Art. «Verwöhntes Kind, Flohmarktkind, verrücktes Kind!», schätzt er diese ein.

Davon, was Auggie und seine Familie alles durchgemacht ­haben, zeugen äusserlich nur die Krankenhausarmbändchen an der Pinnwand in seinem Zimmer. 27 sind es. Er kam mit einer kraniofazialen Fehlbildung zur Welt, hervorgerufen durch einen seltenen Gendefekt. Bei den 27 Operationen ging es erst einmal ­darum, dem kleinen Buben das Leben zu retten.

Es ist nicht nur ­ für Auggie schwer

Nun aber steht der erste Tag an einer regulären Schule an. Ein Tag, dem Mutter Isabel (Julia Roberts), Vater Nate (Owen Wilson) und Schwester Via genauso ­nervös gegenüberstehen. Davon erzählt der Spielfilm «Wonder» nach dem gleichnamigen Erfolgsroman von R. J. Palacio mit viel Empathie, Wärme und Humor. Wie Palacio wechselt Regisseur Stephen Chbosky die Perspektive – erst zu Auggies Schwester Via, dann zum Schulkameraden Jack Will –, um die Themen Familie und Freundschaft, Mut und Selbstvertrauen, aber auch ­Mobbing und Ausgrenzung von verschiedenen Seiten her zu beleuchten. Dass sich Chbosky in diesen Themen zu Hause fühlt, hat er mit der feinfühligen Coming-of-Age-Geschichte «The Perks of Being a Wallflower» (2012) um einen introvertierten Aussenseiter gezeigt.

Seit ihrem Grillunfall zieht auch Isabel aus dem Kanton Bern die Blicke auf sich. Die junge Frau spricht ­anlässlich der Vorpremiere von «Wonder» in Zürich davon, wie sie gelernt habe, diese auszublenden. Sie hat ein gutes Umfeld und will sich nicht zu Hause verstecken. Markus Landolt, leitender Psychologe am Kinderspital Zürich, lehrt Betroffene von krankheits- oder unfallbedingten Hautauffälligkeiten einen offenen Umgang damit, dass sie anders aussehen. Die Stigmatisierung werde bleiben. Die Ergebnisse der Studie, die er im SRF-Dokfilm «Brandmal» zitiert, sind er­schreckend. Kinder mit Narben ­würden von anderen Kindern als weniger intelligent und unsympathisch wahrgenommen. «Es ist wie eine Zusatzstrafe.» Aber Landolt unterstreicht die Bedeutung der unterstützenden Familie, wie die Pullmans eine sind.

Kino für eine offenere, ­tolerantere Gesellschaft

Der Roman «Wonder» hat die «Wähle die Freundlichkeit»-Bewegung und internationale Anti-Mobbing-Kampagnen ausgelöst, auch der Film war in den USA ein Überraschungserfolg. Wie die Betroffenen einen Umgang damit finden müssen, angestarrt zu werden, muss auch die Gesellschaft lernen, hinzusehen und den Blick nicht beschämt abzuwenden. Ob er sich nicht einer Schönheitsoperation unterziehen wolle, fragt Jack Will im Film, worauf Auggie erwidert: «Das ist das Ergebnis einer Schönheitsoperation!» Darauf Bezug nehmend sagt Clemens Schiestl, Leiter des Zentrums für brandverletzte Kinder, plastische und rekonstruktive Chirurgie am Kinderspital Zürich: «Auch die moderne Medizin kommt an ihre Grenzen. Eine tolerante Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie Menschen, die nicht der Norm entsprechen, annimmt, wie sie sind. Wir ­müssen nicht alle einem Ideal entsprechen.»

«Wonder» bietet viel Identifikationspotenzial. Die Tragikomödie ist gutgespieltes Erzählkino, das unterhält und berührt und die Lebensrealität von Auggie und seiner Familie angemessen darstellt. Es gibt ein Happy End für alle Pullmans – Taschentücher bereithalten –, eine etwas sentimentale Zuspitzung, die man dem Film vorhalten könnte. Aber man muss nicht immer sarkastisch sein. Hier darf die Fiktion das reale Leben überholen.

Hinweis

«Wonder» läuft in den Kinos. «Brandmal – Gezeichnet fürs ­Leben» kann man sich auf Youtube ansehen. Weitere Infos: ­ www.hautstigma.ch.

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