KINO: Ein Wind zum Gernhaben und Verfluchen

So kräftige Stürme wie in den letzten Wochen konnte Theo Stich für «Im Bann des Föhns» nicht drehen. Aber sein Dokumentarfilm über das Wetterphänomen bietet dennoch prächtige Aufnahmen.

Geri Krebs
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«Für mich hat die Schweiz zwei Hauptstädte: Göschenen und Airolo.» Ludwig Zgraggen aus Erstfeld ist Meteorologe bei Meteo Schweiz in Kloten und dem Föhn mit Leib und Seele verfallen. «Wo sonst gibt es solche Unterschiede auf so kurzer Distanz wie hier?», fragt er begeistert, wenn er die Wetterstationen nördlich und südlich des Gotthard inspiziert und gesteht, dass Theorien über Druckluftschwankungen die Entstehung der oft scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Winde im Herzen der Alpen nur unzureichend erklären.

Der 47-jährige Zgraggen ist, neben einem Pater aus Andermatt, einem Bergbauern aus Isental, einem Segelflieger aus Flüelen und einem Atmosphärenphysiker aus Zürich einer von fünf männlichen Hauptfiguren im Film. Dabei ist er wohl der ­ mit den verrücktesten Anekdoten über das Phänomen, das bei nicht wenigen Menschen Kopfweh verursacht. Ein Zusammenhang, der so wenig geklärt ist wie manch anderes um diesen Wind, der im Laufe der Jahrhunderte immer wieder auch verheerende Brände verursachte, so zuletzt 2001 im liechtensteinischen Balzers. Archivbilder dieses Brandes bilden im Film den Kontrapunkt zu sonst oft idyllisch anmutenden Sequenzen. Eine andere filmische Trouvaille zeigt Regisseur Theo Stich etwa mit dem 1934 in der Innerschweiz gedrehten Stummfilm «Rapt», der Stürme des Herzens mit solchen in den Alpen bildgewaltig verbindet.

Windgeräusche und Schwyzerörgeli

Es habe ihn gereizt, einen Film zu machen über ein Phänomen, das nicht visuell ist, sagt Theo Stich,

1960 in Stans geboren und bekannt geworden durch die Dokumentarfilme «Vollenweider – die Geschichte eines Mörders» und «Champions von morgen». Verglichen mit jenen Filmen überragt «Im Bann des Föhns» durch Vielschichtigkeit und Originalität der Protagonisten. Vor allem beeindruckt er mit seiner Bildsprache und durch eine Tonspur, die subtil die Windgeräusche mit Klängen des verfremdeten Schwyzerörgelis von Marcel ­Oetiker und den Tönen von Sound-Designer Jürg Von Allmen anreichert.

Theo Stich hätte natürlich gerne solche Föhnstürme im Film gehabt, wie sie letzte und vorletzte Woche durch die Schweiz gebraust waren. Doch die habe er leider nicht filmen können, als er 2015 mit Kameramann Ueli ­Nüesch drehte, erzählte Stich an einer Vorpremiere des Films. Uraufgeführt worden war «Im Bann des Föhns» an den Solothurner Filmtagen, und dass der Föhn einen Monat später der Schweiz die höchsten je an einem Februartag gemessenen Temperaturen bescheren würde, das passt zur ­Unberechenbarkeit eines Phänomens, von dem Bergbauer Thomas Eberli im Film sagt: «Ich hab ihn gern, aber handkehrum ist er zum Verfluchen.»

Geri Krebs

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

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