KINO: Ein Krieger kehrt heim

Im Spielfilm «White Sun» zeigt Deepak Rauniyar, wie sein Land Nepal auch zehn Jahre nach Ende des Bürgerkriegs noch mit dessen Folgen zu kämpfen hat. Ein Nachkriegsdrama mit komischen Seiten.

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Seltene Gelegenheit, Kino aus Nepal zu sehen: Szene aus dem Spielfilm «White Sun» von Regisseur Deepak Rauniyar. (Bild: Trigon/PD)

Seltene Gelegenheit, Kino aus Nepal zu sehen: Szene aus dem Spielfilm «White Sun» von Regisseur Deepak Rauniyar. (Bild: Trigon/PD)

Die Ausgangslage könnte beinahe einem Western entstammen: Ein Mann, Typ «einsamer Wolf», kommt nach über zehnjähriger Abwesenheit an den gottverlassenen Ort zurück, von wo er einst im Unfrieden weggegangen war. Der Mann kehrt aber nicht mit Pferd, sondern per Bus zurück. Dass er das letzte Wegstück zu Fuss zurücklegen muss, hat mit der Topografie und der schlechten Infrastruktur zu tun – wir befinden uns hier nicht in der Prärie, sondern in Nepal. Von 1996 bis 2006 hatte im armen Himalaja-Bergland ein blutiger Bürgerkrieg getobt. Maoistische Rebellen, die den Sturz des Königs, ­Sozialreformen und die Abschaffung des Kastenwesens forderten, hatten gegen königstreue Truppen gekämpft. Der Krieg forderte Zehntausende von Opfern und endete mit einem teilweisen Sieg der Maoisten, die in die Regierung aufgenommen wurden bei gleichzeitiger Abdankung des Königs. Die Fahne mit der weissen Sonne wurde allerdings beibehalten, darauf bezieht sich der Filmtitel.

Der Mann, der im zweiten Spielfilm von Deepak Rauniyar – sein «Highway» lief 2012 an der Berlinale und war der erste nepalesische Spielfilm an einem grossen Festival – im Zentrum steht, heisst Chandra. Er kämpfte einst bei den Maoisten und hatte sich nach Kriegsende in Nepals Hauptstadt Kathmandu niedergelassen. Da er erfahren hat, dass sein Vater verstorben ist, kehrt er ins Dorf zurück, wo er einst seine Frau und deren uneheliche Tochter verliess, um sich den Rebellen anzuschliessen. «Ich dachte, ein Parteiführer käme mit dem Helikopter», spottet der Dorfvorsteher bei der Begrüssung Chandras. Im Dorf liegen die Sympathien der Bewohner nicht auf der Seite, für die Chandra gekämpft hat. Auch sein verstorbener Vater war ein Anhänger des Königs. Nach Schwierigkeiten beim Abtransport der Leiche ins Tal, zum Ort der feierlichen Einäscherung, geht der Krach erst richtig los. Chandras Bruder, auch er glühender Anhänger des Königs, will Chandra nicht dabei haben bei der Zeremonie.

Unbewältigtes mit universeller Gültigkeit

Rund um diese Schwierigkeiten beim Begräbnis zeichnet Deepak Rauniyar geschickt und mit sicherem Gespür für dramaturgische Spannungsbögen die Umrisse einer Nachkriegsgesellschaft mit all ihren sozialen Verwerfungen und unbewältigten Traumata. «White Sun» weist damit weit über Nepal hinaus: Chandras ­Geschichte könnte sich so oder ähnlich zum Beispiel auch in Kolumbien oder in einem der Länder des ehemaligen Jugoslawien zutragen.

Das Filmfestival Fribourg, das noch bis nächsten Samstag stattfindet, zeigt in seiner Sektion «Nouveau Territoire» eine umfangreiche Reihe von Filmen aus und über Nepal. «White Sun» läuft dabei im internationalen Wettbewerb der Langfilme. Aus diesem Anlass ist Regisseur Deepak Rauniyar auch in der Schweiz und führt heute an der St. Galler Vorpremiere im Kinok in seinen Spielfilm ein. Er diskutiert nach dem Film mit dem Publikum, moderiert von Walter Ruggle.

Geri Krebs

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Heute Di, 20 Uhr, Kinok St. Gallen; Infos zum Filmfestival Fribourg: fiff.ch