FRAUENSTIMMRECHT
«Männer im Ring»: Ein Entscheid zwischen Vernunft und Nostalgie

Der Film dokumentiert die letzte grosse Männer-Landsgemeinde Appenzell Ausserrhodens anno 1989, an der das Frauenstimmrecht eingeführt worden ist. Jetzt kommt der Film neu aufbereitet in die Schweizer Kinos.

Andreas Faessler
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Ein Bild, das Bände spricht: Sie Männer stimmen ab, die Frauen dürfen nur am Rand stehen und zuschauen. Videostill aus «Männer im Ring».

Ein Bild, das Bände spricht: Sie Männer stimmen ab, die Frauen dürfen nur am Rand stehen und zuschauen. Videostill aus «Männer im Ring».

Bild: PD

April 1989: Grosses steht bevor in Hundwil, dem kleinen Dorf mitten in der ruralen Idylle Appenzell Ausserrhodens, wo in ungraden Jahren die Landsgemeinde abgehalten wird. Abgestimmt wird darüber, ob Frauen auf kantonaler Ebene stimmberechtigt sein sollen.

Aus heutiger emanzipierter Sicht wähnt man sich gegenüber einer solchen Vorlage sprichwörtlich im falschen Film. Doch tatsächlich liegt es gerade mal drei Jahrzehnte zurück, als der zweitletzte Kanton der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt hat.

Vernunft gegen Nostalgie

Dieses historische Ereignis in der Ostschweiz hat der Zuger Filmemacher Erich Langjahr seinerzeit in Bild und Ton dokumentiert. Sein international mehrfach ausgezeichneter Film «Männer im Ring» spürt den Befindlichkeiten der Appenzeller nach – und zeigt eindrücklich auf, wie sich eine tiefe Gespaltenheit durch sämtliche Generationen zieht.

Manche sehen sich in einem Dilemma: Frauen sollen ja eigentlich auch mitreden dürfen, doch müsste dafür mit einer lieb gewonnenen Tradition gebrochen werden – Vernunft gegen Nostalgie, Verstand gegen Herz. Für andere hingegen ist die Zeit für Gleichberechtigung schon lange überfällig. Und für einen weiteren Teil der Stimmbürger kommt diese Gleichberechtigung der Frauen in der Landsgemeinde gar nicht in Frage. Was sollen die denn überhaupt mitreden? Es war ja bisher stets alles gut und richtig, was die Männer Appenzell Ausserrhodens beschlossen haben.

Dann – in volksfestartigem Rahmen – der grosse Moment: Tausende Hände schnellen in die Höhe. Die überwältigende Mehrheit bleibt aus, aber die Vorlage wird angenommen. Bei vielen ist der Jubel gross, einige sehen ihre althergebrachte Männer-Bastion einstürzen, Werte, Tradition und eine scheinbar bewährte Ordnung bachab gehen. Appenzell Ausserrhoden ist nach mehreren gescheiterten Anläufen in der Gegenwart angekommen. Ein Tag, der in die Kantonsgeschichte eingegangen ist.

Kommentarlos und wertfrei

Als stiller, aber scharfer Beobachter begleitet Erich Langjahr das Jahrhundertereignis in Hundwil – wie immer unkommentiert und somit auf angenehme Weise einfühlsam, wertfrei und unpolemisch. Er lässt Menschen aus dem Dorf zu Wort kommen und gewährt aufschlussreiche Einblicke in ihre Gedankenwelt. Er zeichnet das Bild einer konservativen, traditionsbewussten Gesellschaft in bieder-bäuerlichem Umfeld, die zögerlich den Schritt in die Zukunft wagt, auf der Suche nach einer neuen Identität.

«Männer im Ring» war vor 30 Jahren Erich Langjahrs persönliches Geschenk zum 700. Geburtstag der Schweizer Eidgenossenschaft. Es war nach «Morgarten findet statt» und «Ex Voto» der letzte Teil einer Filmtrilogie, in welcher die Auseinandersetzung mit Heimat und Identitätsfindung im Zentrum stehen. Jetzt nach all den Jahren kommt der Film frisch digital aufbereitet neu in die Schweizer Kinos – thematisch in den Kontext von 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz passend.

Der Besuch der Queen in der Schweiz

Als Vorspann zum Hauptfilm dient «Made in Switzerland», eine 12-minütige Langjahr-Kurzreportage zum Besuch von Queen Elizabeth II. in der Schweiz anno 1980. Auch diese ist von Memoriav, dem Verein für die Erhaltung und Erschliessung schweizerischen audiovisuellen Kulturgutes, restauriert und digitalisiert worden.