KINO: Die Jungen versuchen, der Familie zu entkommen

«Happy End» heisst der neue Film des österreichischen Meisterregisseurs Michael Haneke. Fröhlich ist an dieser Demontage einer bürgerlichen Familie aber wenig. Ansehen lohnt sich trotzdem.

Regina Grüter
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Isabelle Huppert gewohnt formidabel als Unternehmertochter. (Bild: Filmcoopi)

Isabelle Huppert gewohnt formidabel als Unternehmertochter. (Bild: Filmcoopi)

«Wenn Bäume in den Himmel wachsen, werden sie zurechtgestutzt», sagte Michael Haneke gegenüber der «Frankfurter Neuen Presse». Es ist seine Replik darauf, dass sein neuer Film «Happy End» nach der Uraufführung im Wettbewerb von Cannes von französischen und deutschen Medien verrissen wurde. Nach zwei goldenen Palmen, für «Das weisse Band» (2009) und «Amour» (2012), und einem Oscar für Letzteren ist das Klagen der Kritiker auf hohem Niveau. Zumindest inszenatorisch und schauspielerisch ist auch «Happy End» eine Meisterleistung.

Das Drama spielt in Calais, dieser nordfranzösischen Hafenstadt, die einem wegen des «wilden» Flüchtlingslagers – es wurde ziemlich genau vor einem Jahr geräumt – ein Begriff ist. Doch «Happy End» ist kein Film über Flüchtlinge, diese treten nur in zwei Szenen in Erscheinung. Vielmehr ist es die Momentaufnahme der reichen Unternehmerfamilie Laurent, die es sehr gut schafft, sich das Flüchtlingsproblem vom Leib zu halten. Wie alle anderen auch, die in der High Society von Calais verkehren.

Eine Sabotage ­ gesellschaftlicher Anlässe

Man hat sich über die Jahrzehnte gut eingerichtet, der nordafrikanische Butler serviert das Dîner, das seine Frau gekocht hat. Die Stimmung zu Tisch jedoch lässt einen frösteln. Der Schein trügt, wie in Hanekes Filmen so oft. Richtig zufrieden jedenfalls ist niemand, am ehesten Unternehmertochter Anne (Isabelle Huppert, gewohnt formidabel).

Lebensmüde sind der Älteste, Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant), und die Jüngste, Enkelin Ève. Aber auch Annes Sohn Pierre ist ob der emotionalen Kälte, die in der Familie herrscht, nahe daran, sich selber aufzugeben. Dies äussert sich jedoch erst einmal darin, dass er sich der profitorientierten Geschäftstüchtigkeit verweigert und mit gezielten Aktionen das bourgeoise Gebaren vor ebendieser Gesellschaft blossstellt – am Geburtstagsanlass des Grossvaters wie am Verlobungsbankett der Mutter, wo er mit einer Gruppe Flüchtlinge auftaucht. Das ist auch mal komisch, und die Rolle des sarkastischen Alten steht Trintignant ausserordentlich.

Kommunikation im Film und mit dem Zuschauer

Haneke erforscht die moderne Kommunikation beziehungsweise Nichtkommunikation per Smartphone-Videos, Chat und Whatsapp. Dem setzt er ruhige Bildkompositionen entgegen, wo sich das Gespräch auch mal auf der Tonspur verliert oder etwas hinter verschlossener Tür passiert. Mit einer solchen Lebensform zufrieden zu sein, funktioniert nur, wenn man die Augen vor dem Rest der Welt verschliesst, so die etwas plakative, wenn auch wichtige Aussage des Films. Zugleich sind sie alle «Opfer» ihrer Herkunft und Erziehung. Franz Rogowski, Boxer aus Sebastian Schippers «Victoria», legt Pierres ganze Energie der Verlorenheit in eine Karaoke-Szene in einer trostlosen Bar – eine der besten des Films. Die Darstellung des Deutschen ist eine Wucht, ebenso wie die von Fantine Harduin als Ève. Sie ist es, die beim Zuschauer für Emotionen sorgt in dieser zynischen Welt, der sie ausgesetzt ist.

Regina Grüter

«Happy End» läuft in den Kinos.