KINO: Die Differenz zwischen Fliehen und Bleiben

Das Drama «Go Home» von Jihane Chouaib erzählt von einer jungen Exillibanesin, die nach dem Bürgerkrieg zurückkehrt, um ihren Grossvater zu suchen. Ein stiller Film mit Golshifteh Farahani.

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Fremde im eigenen Haus: Nada (Golshifteh Farahani) und Sam (Maximilien Seweryn) in «Go Home». (Bild: Filmcoopi)

Fremde im eigenen Haus: Nada (Golshifteh Farahani) und Sam (Maximilien Seweryn) in «Go Home». (Bild: Filmcoopi)

Sie gehört nicht hierher. Das wird allein schon durch ihren Roll­koffer deutlich, den die junge Frau über die holprigen, unasphaltierten Strassen zieht. Doch ganz eine Fremde ist sie nicht, sie scheint sich auszukennen. Doch damals, als Nada aus diesem Dorf im Libanon wegen des Bürgerkriegs geflüchtet war, war sie noch ein Kind. Zusammen mit dem Vater und dem Bruder war sie weggezogen. Nun kehrt sie 23-jährig zurück und findet das Haus der Familie in einem ruinösen Zustand vor. Gezeichnet vom Krieg und von wenig achtsamen temporären Benutzern. Der einstige Garten zur Müllhalde ge­worden.

Nada wird argwöhnisch und aus der Distanz beobachtet. Doch die junge Frau bemüht sich nicht darum, Anschluss zu finden, im Gegenteil. Sie ist überzeugt, dass die Menschen hier es nicht gut meinen mit ihrer Familie. Und dass jemand ihren geliebten Grossvater auf dem Gewissen haben muss. Denn der ist seit dem Bürgerkrieg spurlos verschwunden. Nada will das Geheimnis um sein Verschwinden lüften, sie will verstehen. «Da gibt es nichts zu verstehen», entgegnet ihre alte Tante, «das ist der Hass.»

Regisseurin Jihane Chouaib, die aus dem Libanon stammt und in Frankreich lebt, lässt sich Zeit, um diese Geschichte aus der Vor- und Nachkriegszeit zu entfalten. Nada, gespielt von Golshifteh Farahani, die zuletzt in «Paterson» in unseren Kinos zu sehen war, redet zunächst kaum. Auf sich allein gestellt, versucht sie die hässlichen Spuren der Vergangenheit, von Gewalt und Zerstörung, aus dem Haus zu tilgen.

Das Geheimnis in den Rückblenden

Als ihr Bruder Sam (Maximilien Seweryn) im elterlichen Haus ankommt, ist es zum Glück ein wenig vorbei mit der Ruhe. Sam soll das Haus verkaufen, was Nada nicht will. In Rückblenden aus der Kindheit wird einerseits die enge Beziehung deutlich, die Nada zum Grossvater und zum Bruder hat. Anderseits lüftet eine bruchstückhafte Erinnerung an den Grossvater mit jeder weiteren Rückblende ein mögliches Geheimnis.

Dieses Geheimnis – von Jihane Chouaib durch die zahlreichen Rückblenden wie in einem Krimi zu einem dramaturgischen Wendepunkt hochgeschaukelt – entpuppt sich allerdings am Ende eher als unspektakulär. Und eigentlich bräuchte ihre Geschichte diese kindliche Erinnerung gar nicht, die sich als falsch und unvollständig erweist.

Argwohn, Neugier und Unsicherheit

Das Potenzial von «Go Home» liegt, wie in ähnlich gelagerten Heimkehrer-Dramen auch, in der Differenz zwischen jenen, die geblieben sind und den Krieg überleben konnten. Und jenen, die geflohen sind und nun nach Jahren in der Fremde zurückkehren und selbst zu Fremden geworden sind. Weil sie die leidvolle Erfahrung des Krieges nicht erlebt haben. «Du bist wütend, aber du weisst gar nichts», sagt ein Mann denn auch zu Nada.

Diese Differenz wird, bewusst unbewusst, auch durch die Besetzung der Darsteller deutlich. Denn im Vergleich zu den libanesischen Schauspielern wirken die schönen, weichen Gesichter der Exiliranerin Golshifteh Farahani und von Maximilien Seweryn eher fremd. Das fällt umso mehr auf, weil Jihane Chouaib mit dem jugendlichen Jalal (François Nour) eine dritte Hauptfigur einführt. Wie schwierig es für ihn ist, Nada kennen zu lernen, ja mit der Zeit ihr Vertrauen zu gewinnen, erweist sich als der interessanteste Aspekt von «Go Home». Zwischen Argwohn, Neugier, Unsicherheit, Respekt und Zuneigung pendeln die Emotionen. Doch am Ende wird deutlich, wie ähnlich sich ihre Erfahrungen und Wünsche sind. Und wie zentral es ist, ob man bleibt oder geht.

Andreas Stock

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