KINO: Der Vater ist nicht mehr als eine Vorstellung

Auch in «La idea de un lago» zeigt Milagros Mumenthaler («Abrir puertas y ventanas») die Nachwirkungen der Militärdiktatur in Argentinien im Privaten: Eine Fotografin sucht Erinnerungen an den Vater.

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Am See auf den Spuren des Vaters: Die Arbeit wird Inés (Carla Crespo) noch einige Zeit voll und ganz in Anspruch nehmen. (Bild: Look Now)

Am See auf den Spuren des Vaters: Die Arbeit wird Inés (Carla Crespo) noch einige Zeit voll und ganz in Anspruch nehmen. (Bild: Look Now)

Auf einem alten Foto posiert der Papa vor dem grasgrünen Auto, hinter ihm der blaue See. Und dann gibt es noch ein Bild, das ­einen jungen Mann mit einem Mädchen im Kleinkindalter zeigt – es ist das einzige von Vater und Tochter. Entstanden ist es in den Ferien, auch an diesem See.

Heute ist Inés Mitte dreissig und arbeitet an einem Bildband über den Vater. Die Recherchen für das Buch lassen die Fotografin immer stärker in die Vergangenheit eintauchen. Die Beschäftigung mit dem Vater, der 1977 während der Militärdiktatur spurlos verschwand, gerät zur Obsession.

Das Haus ­ am See

In ihrem zweiten langen Spielfilm greift die argentinisch-schweizerische Regisseurin Milagros Mumenthaler also das Thema von «Abrir puertas y ventanas» wieder auf, ähnlich subtil und doch greifbarer. Ihr Erstling gewann 2011 in Locarno den Hauptpreis und beschreibt atmosphärisch die Gefühlslage von drei Schwestern nach dem Tod der Grossmutter – die Eltern haben sie während des Militärregimes verloren. Nun müssen sie allein im grossen Haus zurechtkommen und reagieren darauf ganz unterschiedlich. Explizit ist dabei nichts, doch das Wesentliche, die Emotion des Verlorenseins, erschliesst sich dem Zuschauer als sinnliche Erfahrung.

Inés nun will Dinge finden, die etwas mit dem Vater zu tun haben. Und der Ort, an dem sie ihn am meisten spürt, ist eben dieser See, wo im Haus nahe dem Ufer die Familie jeden Sommer zusammenkam. Dazu der Soundtrack der 80er – «True Faith» von New Order. In Rückblenden taucht der Zuschauer ein in diese Erinnerung, meist ohne klare Motivation, oft mit einem abrupten Schnitt beendet. Doch die Regisseurin und Drehbuchautorin hat einen Masterplan, und für den Zuschauer fügen sich die Bruchstücke noch im Kinosaal zu einem Ganzen. Dieses sinnliche, emotionale Erzählen macht die Filmerfahrung umso nachhaltiger und verleiht den Filmen von Mumen­thaler ihren eigenständigen Stil.

Umgang mit Verlust ­ und Erinnerung

Es ist die Idee eines Sees – wie es der Titel passend formuliert –, die Inés in sich trägt. Eine Idee, die untrennbar mit jener verknüpft ist, die sie vom Vater hat. Der Vater ist nicht mehr als eine Vorstellung. Sie erinnert sich ­daran, wie sie ihn sich herbeiwünschte. In der Szene, wo das Mädchen zusammen mit dem grünen Auto zu «Song Sung Blue» von Neil Diamond im See eine Art Tanz aufführt, verschmelzen Fantasie und Realität.

Wie das war, die ersten Jahre ohne Ehemann und Vater, zeigt «La idea de un lago» auch in einfachen Bildern: Die Einsamkeit der Mutter, die auf der Veranda schläft, und ihre verzweifelte Hoffnung, der Geliebte könnte vielleicht doch eines Tages einfach wieder auftauchen. Das Mädchen, das die Erwachsenen durchschaut, und in dessen Fantasie der Vater seinen Platz hat. Bis sie 15 ist. Da höre ihre Erinnerung auf, sagt Inés. Der kleine Bruder, Tomás, der sich am liebsten im Superman-Kostüm in der Welt der Comic-Helden bewegt.

Das war früher. Heute möchte die Mutter den Schmerz, den die enttäuschte Hoffnung mit sich bringt, nicht mehr zulassen. Sie hat sich mit der Ungewissheit abgefunden. Ganz anders Inés. Dies sorgt für Konfliktpotenzial innerhalb der Familie, insbesondere zwischen Mutter und Tochter. Aber auch zwischen Inés und Pablo, von dem sie ein Kind erwartet. Jeder hat seinen eigenen Umgang mit Verlust und Erinnerung.

Regina Grüter

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

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