KINO: Der Preis jugendlicher Ungebundenheit

«Skizzen von Lou» von Regisseurin Lisa Blatter ist ein einfühlsames Porträt einer Generation im Strudel von Freiheiten und Möglichkeiten. Liliane Amuat spielt die Titelrolle – die 27-Jährige hat gerade einen Fernsehfilmpreis erhalten.

Andreas.stock@tagblatt.ch
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Sie haben ein unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe und Distanz: Lou (Liliane Amuat) und Aro (Dashmir Ristemi). (Bild: Look now)

Sie haben ein unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe und Distanz: Lou (Liliane Amuat) und Aro (Dashmir Ristemi). (Bild: Look now)

An den Solothurner Filmtagen war soeben zu erleben, wieso Liliane Amuat im Moment so im Gespräch ist. Die Schweizer Schauspielerin war gleich in drei Filmen zu erleben. Für ihre Rolle der querschnittgelähmten Tochter in der Komödie «Lotto» von Micha Lewinksy (kommenden Sonntag auf SRF 1 zu sehen) hat sie in Solothurn den Schweizer Fernsehfilmpreis als beste Nebendarstellerin erhalten. Zudem spielt sie eine Hauptrolle in zwei weiteren Filmen: «Skizzen von Lou» von Lisa Blatter und «Der Frosch» von Jann Preuss.

Die 27-Jährige, die zum Ensemble des Theaters Basel gehört und am Wiener Burgtheater Auftritte hat, ist in «Skizzen von Lou» und «Der Frosch» in ähnlichen Rollen zu sehen – und doch unterscheiden sich die Auftritte in Blatters Generationenbeschreibung und der Tragikomödie von Preuss. In beiden Filmen verkörpert sie eine selbstbewusste junge Frau, die von einem grossen Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Freiheit getrieben ist. Als verführerische Abenteurerin in «Der Frosch» verhilft sie einem depressiven Schriftsteller zu neuem Lebensmut. Die Figur bleibt jedoch etwas in der Phantasie des Mannes in der Midlife-Krise gefangen – anders in «Skizzen von Lou».

Bindungsangst und Freiheitsdrang

Die 38-jährige Lisa Blatter, die am Kollektivfilm «Heimatland» beteiligt war, entwirft in ihrem ersten Kinospielfilm ein genau beobachtetes Generationenpor­trät. Hab und Gut der von Liliane Amuat gespielten Lou passen in eine Bananenschachtel und einen Rucksack. Als sie damit eines Sommertags vor Aros Türe steht, meint sie beschwichtigend: «Ich ziehe nicht ein, ich deponiere meine Sachen nur hier.» Aro hat sie eben erst kennen gelernt. Er ist im Haus eingezogen, in dem sie ein Zimmer bei einem jungen Paar mit Kind hatte. Aro arbeitet in einer Bar und macht Kunst. Für ihn hat die sich entwickelnde Beziehung eine weit grössere Verbindlichkeit als für Lou. Sie möchte im Herbst nach Nepal, um bei einem Schulprojekt mitzuarbeiten. Für Aro, dessen Eltern aus Albanien stammen, hat die Familie einen grossen Stellenwert. Lou hingegen redet nicht gerne über sich und ihre Familie. Dass sie sich immer wieder entzieht, Aros Bedürfnis nach Offenheit und Vertrauen ausweicht, macht ihre Beziehung schwierig.

Lisa Blatter hat mit Liliane Amuat und Dashmir Ristemi in der Rolle von Aro zwei Darsteller, die das junge Paar und ihre Suche nach der richtigen Dosis von Liebe, Familie und Gemeinschaft einfühlsam verkörpern. Die Handkamera schaut ihnen aufmerksam zu, lässt sich Zeit, Stimmungen und Spannungen wahrzunehmen. Dazu trägt ein Sounddesign (Maurizius Staerkle Drux) bei, das stark mit Natur- und Umweltgeräuschen arbeitet. «Skizzen von Lou» überzeugt als ­atmosphärisches, einfühlsam ­gezeichnetes Porträt junger Menschen und ihrer Überforderung durch zu viele Optionen. Unaufgeregt spielt die Inszenierung mit Anspielungen und Hinweisen dar­auf, dass es in Lous Vergangenheit ein tragisches Ereignis gegeben hat. Lisa Blatters Drehbuch ist aber souverän genug, dar­aus keinen dramatisch zu forcierten Schluss zu pressen.

Andreas Stock

andreas.stock@tagblatt.ch

Lisa Blatter und Liliane Amuat sind heute, 18.45 Uhr, zu Gast im «Kinok» St. Gallen. Ab Freitag läuft der Film auch im «Luna» Frauenfeld, weitere Kinos folgen.