KINO: Der mordende Clown mit dem roten Luftballon

Dieser Stoff hat Horror neu definiert: Stephen Kings «It» («Es») beschert seit 30 Jahren Albträume von grinsenden Clowns. Morgen kommt eine Neuverfilmung in die Kinos, die in den USA Kassenrekorde gebrochen hat. Das hat gute Gründe.

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Das weit aufgerissene Gebiss aus «Der Weisse Hai», der Holzschlitten aus «Citizen Kane», die Laserschwerter aus «Star Wars»: Filmemachern gelingt ein riesiger Coup, wenn sofort alle Betrachter beim Anblick eines einzelnen Motivs wissen, welcher Film gemeint ist. Gerade erleben die USA einen solchen Hype: Wer einen roten Ballon sieht, der denkt recht zuverlässig an einen gruseligen Clown. Pennywise heisst er und ist die Hauptfigur in Stephen Kings «It».

Nach einer TV-Verfilmung vor gut 25 Jahren kommt der Bestseller nun in zwei Teilen in die Kinos, und in den Vereinigten Staaten ist der Erfolg immens: «It» gelang dort der beste Start für einen Horrorfilm – der bisherige Rekordhalter «Paranormal Activity 3» kam zum Auftakt nicht einmal auf die Hälfte der rund 123 Millionen Dollar, die «It» eingespielt hat.

Zeitgeist und traditionelle Motive

Viele Vorschusslorbeeren also für die Verfilmung eines 31 Jahre ­alten und im Original rund 1100 Seiten langen Buchs. Erzählt wird die Geschichte einer Gruppe von Teenagern in der Kleinstadt Derry im Bundesstaat Maine der späten 80er-Jahre.

Zu Beginn ermordet der gruselige Clown den sechsjährigen Georgie Denbrough, einige Monate später versucht eine Gruppe von Teenagern, angeführt von Georgies Bruder Bill, den Tod und weitere mysteriöse Geschehnisse aufzuklären. Dabei merken sie schnell, dass sie sich ihren schlimmsten Ängsten stellen müssen, um die Taten des seit Jahrhunderten mordenden Clowns zu verstehen.

Ignorante, behäbige Erwachsene in einer klaustrophobischen Kleinstadt, arrogante Schulhofrüpel und ein halbes Dutzend Teenagerrollen mit den üblichen Charakterzügen – die Liste üblicher Horror-Klischees ist auch in «It» lang. Trotzdem funktioniert der Film wegen seiner gelungenen Mischung von Zeitgeist und traditionellen Motiven.

Der Film knüpft einerseits in Ästhetik und Thematik an erfolgreiche Stoffe wie die Netflix-Serie «Stranger Things» an. Anderseits behandelt der Schocker ­genug universelle Themen, mit denen viele Zuschauer etwas ­anfangen können: Einsamkeit, der Kampf gegen Schrecken, die Erwachsene nicht wahrnehmen wollen, und die zerstörerische Macht, die Angst über uns bekommt, wenn wir uns ihr nicht stellen. In den USA haben diese Mischung und die Mundpropaganda dazu geführt, dass rund die Hälfte aller Zuschauer weiblich ist – ungewöhnlich für einen Horrorfilm.

Trotzdem ist Andrés Muschiettis King-Verfilmung nicht perfekt. Mit 135 Minuten gerät «It» gerade im mit Computer­effekten überladenen letzten Drittel ein wenig zu lang, und nicht alle Gags der sehr solide agierenden Teenagerriege zünden. Dennoch schafft Muschietti mit diesem ersten Kapitel seiner zweiteiligen Verfilmung eine der besten King-Adaptionen der vergangenen Jahrzehnte.

Christian Fahrenbach, DPA

Ab Donnerstag in den Kinos