KINO: «Das Totenreich strahlt»

Der neue Pixar-Film «Coco» ist eine Sensation. Regisseur Lee Unkerich im Gespräch über seinen am mexikanischen Totentag spielenden Animationsfilm.

Daniel Kothenschulte
Merken
Drucken
Teilen
Das Schwindler-Skelett Hector tanzt mit dem 12-jährigen Hector in der Totenstadt. (Bild: Disney-Pixar)

Das Schwindler-Skelett Hector tanzt mit dem 12-jährigen Hector in der Totenstadt. (Bild: Disney-Pixar)

Interview: Daniel Kothenschulte

Am mexikanischen «Tag der Toten» führt der Film in ein grellbuntes Jenseits, das alles andere ist als ein trauriges Schattenreich. Die Toten feiern noch ausgelassener als die Lebenden, doch der kleine Miguel, der ihnen aus dem Diesseits einen Besuch abstattet, hat ein ernstes Problem. Nicht weniger als ein Familientrauma gilt es zu lösen. Das erweist sich als Krimi um einen legendären Mariachi-Musiker.

Lee Unkerich, Man sagt oft, dass man bei Pixar arbeitetet wie früher bei Disney. Walt Disney nahm einmal seine Zeichner mit auf eine Inspirationsreise nach Mexiko und Südamerika.

Auch wir sind etliche Male nach Mexiko gereist, um die Atmosphäre des Dia de las muertos zu studieren. Wir machten Hunderttausende von Fotos und lernten viele Familien kennen. Wir beobachteten ihr Leben und wie sie diesen Tag begehen. Vieles findet sich im Film wieder.

Walt Disney wurde oft dafür kritisiert, dass er Themen wie Tod und Einsamkeit in Filmen wie «Bambi» ansprach. Schon in Ihrem Film «Findet Nemo» klang das an, nun spielt Ihr ganzer Film im Totenreich.

Wir machen unsere Filme ja für alle Generationen, und nie reden wir darüber, was wohl die Kinder wollen. Das hat Walt Disney wohl nicht anders gesehen mit all den dunklen Elementen in seinen Filmen. Wir versuchen, Filme über das menschliche Leben zu machen, und in jedem Leben gibt es dunkle Seiten. Wir wollen jetzt nicht morbid sein, und «Coco» handelt nicht nur vom Tod, aber er ist ein Element darin. Der Tod ist ein Teil des Lebens, und alle steuern wir in dieselbe Richtung. Niemand sah ein Problem darin, seit ich John Lasseter diese Idee vorgeschlagen habe.

Der «Tag der Toten» ist unter anderem von Sergej Eisenstein dargestellt worden in «Que Viva Mexico». Was war Ihre Inspiration?

Als wir «Toy Story 3» fertig hatten, bat John Lasseter um gleich drei neue Ideen. Ich war gerade mit meinen Kindern im mexikanischen Pavillon in Disneys Epcot-Park in Florida. Dort spielte eine Mariachi-Band mit Skeletten aus Pappmaché. Die hatte es mir angetan. Eisensteins Film hatte mich als Student beeindruckt. Und wir fragen uns immer: Welches Thema eignet sich besonders gut für Animation? Skelette sind dafür natürlich ideal.

Es ist nicht selbstverständlich, sich das Totenreich so farbig vorzustellen. Salvador Dalí und die Surrealisten wären begeistert ...

Ich wollte den grösstmöglichen Kontrast zwischen dem Dorf des kleinen Miguel und der Totenstadt mit riesigen Wolkenkratzern. So verbaten wir uns auch einige Farben für die normale Welt, damit das Jenseits umso mehr strahlte. Das alles sollte den Geist von Mexiko einfangen.

Es gibt Pixar-Filme mit sehr wenigen Figuren, wie «Wall-E» oder «Oben». Ihre vielen Nebenfiguren waren wohl ein Riesenaufwand.

Es ist eben wie ein Reisefilm, wo man immer wieder neuen Menschen begegnet. Es ist verdammt aufwendig, jede Figur muss in der Animation entwickelt werden. Frida Kahlo zum Beispiel kommt nur kurz vor, muss aber überzeugen. Jedes Bisschen zählt. Da wir uns ständig bewegen, kommen dauernd neue Schauplätze dazu, die gefüllt werden müssen.

Walt Disney arbeitete jahrelang an seinen Zeichentrickfilmen. Wie ist das bei Ihnen?

Wir haben sechs Jahre an «Coco» gearbeitet. Allein dreieinhalb Jahre an der Story.

Sie sind seit 1994 bei Pixar, einem Studio, das damals alles anders machen wollte als Disney. Gibt es immer noch diese strengen Regeln? Zum Beispiel sollten die Figuren zuerst niemals Musical-Nummern singen.

So war das damals, als wir Toy-Story machten: Disneyfilme sahen aus wie Broadwayshows. Disney hatte viel Erfolg damit und klammerte sich daran fest. John Lasseter und Pete Docter wussten, dass es auch anders geht, und kamen dann mit einer Liste von Dingen, die sie nicht machen wollten. Das war vor 25 Jahren, und jetzt ist die Liste nicht mehr in Gebrauch. Die einzige Regel ist, dass wir Geschichten finden, die alle Generationen interessieren. Das ist schwer genug. Blutigen Horror machen wir wohl nie.

Ab morgen in vielen Kinos.