KINO: Das Biest vom Broadway

Walt Disney hätte es gehasst: Dem Realfilm-Remake des Klassikers «Die Schöne und das Biest» fehlt der Zauber. Eine Enttäuschung, die nicht unbedingt zu erwarten war.

Daniel Kothenschulte
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Belle (Emma Watson) realisiert, dass hinter dem grässlichen Äusseren des Biests (Dan Stevens) das liebe Herz eines Prinzen schlägt. (Bild: PD)

Belle (Emma Watson) realisiert, dass hinter dem grässlichen Äusseren des Biests (Dan Stevens) das liebe Herz eines Prinzen schlägt. (Bild: PD)

Daniel Kothenschulte

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@tagblatt.ch

«Zauber», das Lieblingswort des Disney-Konzerns, beinhaltet Verwandlung. Am liebsten erprobt Disney seine Verwandlungskünste an seinem Zeichentrickklassiker «Die Schöne und das Biest» von 1991. Erst wurde 1994 ein Bühnenmusical daraus, 2002 erweiterte man den Film um eine Szene, nur um später den Urzustand herzustellen – aufbereitet in 3D. Nun folgt die jüngste Verwandlung: Aus dem Bühnenmusical ist wieder ein Film geworden – mit menschlichen Darstellern und Computeranimationen.

Er entpuppt sich als erstaunliches Mischwesen – wie das Tier in seiner Mitte, dieser verwunschene Prinz mit der Geert-Wilders-Frisur. Aus 84 zauberhaften Trickfilmminuten sind 130 Operettenminuten geworden. Wir wünschen uns, dass Disneys Verwandlungsfee nochmals zuschlüge. Und wieder Zeichentrick daraus machte.

Man denkt mit Wehmut an Walt Disneys Erbe

Emma Watson, die der gezeichneten Belle kein bisschen ähnlich sieht, ist gar nicht das Problem. Durchaus glaubhaft verflucht sie als weltgewandte Leseratte ihre provinzielle Heimat. Und in Luke Evans’ kantiger Männlichkeit erkennen wir sofort den brutalen Dorfdeppen Gaston aus dem Zeichentrickfilm wieder.

Doch Walt Disney, das Kind aus dem Mittleren Westen, hätte nie die Provinz so pauschal verteufelt. Einmal wird kurz in die Zeit von Belles Geburt zurückgeblendet: Am Pariser Montmartre erblickte sie das Licht der Künstlerwelt. Man ahnt, wohin nach dem Happy-End die Hochzeitsreise gehen wird. Und denkt mit Wehmut an Walt Disneys Erbe.

25 Jahre nach seinem Tod war es den Machern von «Die Schöne und das Biest» 1991 gelungen, an seine Erfolgsformel anzuknüpfen und die sterbende Kunst des Animationsfilms zu altem Ruhm zu führen. Ein weiteres Vierteljahrhundert später sind die Zeichentische Antiquitäten. Nichts gegen Computeranimation, die bereits in der Ballsaalszene des alten Films zum Einsatz kam. Doch diese digital aufgepeppte Theaterverfilmung verhöhnt förmlich Disneys Erbe, indem sie die Anmut des Zeichentricks für obsolet erklärt. Gerade weil sie meint, sich daran messen zu können.

Noch über eine andere Disney-Tugend setzt sich der von Bill Condon inszenierte Film leichtfertig hinweg – die der erzählerischen Ökonomie. Für Disney und seine Nachfolgegeneration war es wichtig, dass Songs die Handlung weiterführten, nicht unterbrachen. Jetzt halten die zusätzlichen Lieder die Geschichte quälend auf. Nach dem Ende der opernhaften Darbietung endet in der Bühnenfassung ein Akt.

Wieso erst singen und dann retten?

Doch der Film geht nahtlos weiter, lässt das Biest hastig der von Wölfen bedrohten Belle zu Hilfe eilen. Da fragt man sich: Warum dann noch singen? Disney hätte diese dramatische Verzögerung gehasst – auch im Blick auf die Kinder im Publikum. Selbst ein «Showstopper» wie das Ballett zu «Be Our Guest» des Kerzenständers Lumière wirkt seltsam beliebig. Weder gibt es grandiose Animation zu bestaunen noch ein virtuoses Ballett. Dennoch wirkt das digital animierte Mobiliar lebendiger als seine menschlichen Darsteller, in die es am Ende zurückverwandelt wird.

Die ganze Enttäuschung, die der Film weckt, war nicht unbedingt zu erwarten; Robert Strombergs «Dornröschen»-Nacherzählung «Malificent» und Kenneth Branaghs «Cinderella» hatten Disneys Realfilm-Remakes fulminant eröffnet. Auch das neue «Dschungelbuch» besitzt Qualität in seiner Düsternis, und «Elliot, der Drache» ist ein richtig guter Kinderfilm.

«Die Schöne und das Biest» scheitert beim falschen Respekt vor der Theaterversion, der man sklavisch folgen wollte – und die Chance verspielte, etwas Eigenes zu schaffen. Walt Disney waren Remakes und Fortsetzungsfilme verhasst. Seine Selbstanklage über zwei glücklose Fortsetzungen der «drei kleinen Schweine» ging als geflügeltes Wort in die Studio-Annalen ein: «Man kann Schweine nicht mit Schweinen übertreffen.» Und Biester eben nicht mit Biestern.

Ab heute in den Kinos