KINO: Bis einem der Kopf schwirrt

Mit seinem neuen Film «Ready Player One» höhlt Kultregisseur Steven Spielberg ein Stück weit sein eigenes Vermächtnis aus. Die Flucht in eine virtuelle Welt überbordet.

Lory Roebuck
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Tye Sheridan als der Teenager Wade Watts in der Filmwelt des Jahres 2045. (Bild: Warner Bros.)

Tye Sheridan als der Teenager Wade Watts in der Filmwelt des Jahres 2045. (Bild: Warner Bros.)

Lory Roebuck

Oh Schreck, denkt man sich gleich zu Beginn von «Ready Player One», geht es der Welt in 27 Jahren wirklich so schlecht? Wir blicken auf eine Stadt, die nur aus chaotisch aufgetürmten Wohnwagen besteht: So haust die Menschheit im Jahr 2045. Kein Wunder, dass sich hier alle eine Brille aufsetzen und stundenlang in die virtuelle Welt namens Oasis eintauchen. Die echte Welt, erklärt uns der Teenager Wade Watts (Tye Sheridan), werde eigentlich nur noch für drei Dinge benötigt: um zu schlafen, zu essen und um die Toilette aufzusuchen.

Die Oasis ist grenzenlos – hier kann jeder und jede sein und tun, was er oder sie möchte. Wade beispielsweise nennt sich Parzival, rast mit dem DeLorean aus «Zurück in die Zukunft» durch ein virtuelles New York und sucht nach einem goldenen Ei. Dieses hat James Halliday (Mark Ry­lance), der kürzlich verstorbene Schöpfer von Oasis, irgendwo in seinem digitalen Erzeugnis versteckt. Der Clou: Wer das Ei zuerst findet, wird neuer Besitzer von Oasis. Dazu gilt es allerlei Rätsel zu lösen sowie unbeschadet an berühmten Filmschurken wie Godzilla, Freddy Krueger oder den unheimlichen Zwillingen aus «The Shining» vorbeizukommen. Halliday hat Oasis mit popkulturellen Referenzen aus seiner Jugend vollgepackt.

Missratener jugendlicher Elan

Das war schon die Ausgangslage im 2011 erschienen Bestseller­roman «Ready Player One» von Ernest Cline. Die Wahl, wer den Stoff nun fürs Kino fit machen sollte, fiel logischerweise auf Steven Spielberg. Kaum ein anderer Filmregisseur hat die Popkultur jener Zeit derart seinen Stempel aufgedrückt: «Der weisse Hai», «E. T.», «Indiana Jones» ... In seiner Bescheidenheit hat Spielberg bei seiner Verfilmung jedoch auf alle Anspielungen auf seine Filme verzichtet. Einzig der T-Rex aus «Jurassic Park» hat in «Ready Player One» einen Auftritt.

Doch ist von Spielberg derzeit nicht auch noch der Journalistenfilm «The Post» mit Meryl Streep und Tom Hanks im Kino? Ja, in einem Anflug von jugendlichem Elan hat der Regieveteran gleich zwei Filme auf einmal herausgebracht – mit bescheidenem Erfolg. «The Post» hatte er in Windeseile fertiggestellt, damit sich der Film gerade noch für die Oscars qualifizieren konnte. Begleitet von teils vernichtenden Kritiken, erhielt er nur gerade zwei Nominationen – und dann keinen Preis. Und «Ready Player One» schaffte es am Wochen­ende zwar an die Spitze der US- Kinocharts, jedoch mit dem bescheidenen Einspielergebnis von knapp über 50 Millionen Dollar. Ob der Film sein gewaltiges Produktions- und Marketingbudget von über 400 Millionen Dollar wieder einspielt, ist fraglich. Schon Spielbergs letzter teurer Film, «The BFG», hatte 2016 an den Kinokassen enttäuscht.

Wie konnte Spielberg, dessen Name allein einst volle Kinosäle garantierte, plötzlich zur Hypothek für die grossen Hollywoodstudios werden? Das ist das grösste Rätsel, das «Ready Player One» aufwirft. Denn eigentlich bietet der Film dem Regieveteran eine ideale Spielwiese, um sich auszutoben. Was er aber darauf anstellt, ist ein visuell überbordendes Chaos, das im besten Fall Verwirrung stiftet, im schlechtesten Kopfweh verursacht. Durch jedes Bild huschen Hunderte verschiedener Film- und Videospielfiguren, so schnell und klein, dass man als Zuschauer am liebsten auf den Pause-Knopf drücken möchte. Obwohl Spielberg stark in den Roman eingegriffen hat, begeht er denselben Fehler wie Autor Cline: statt auszuwählen, stapelt er einfach eine Referenz auf die nächste. Das macht am Ende etwa so viel Spass, wie in einem dicken und verstaubten Popkultur-Almanach zu blättern.

Ein Spektakel mit wenig Inhalt und Herz

Mit einer rasanten Aussenseitergeschichte um Wade und seine Kumpanen, die die böswillige Firma IOI überlisten müssen, versucht Spielberg das Ganze noch aufzuwerten, scheitert dabei aber an platten Dialogen und eindimensionalen Filmfiguren. Und anders als etwa der Film «The Lego Movie», der auch Ikonen der Popkultur zusammenbringt, nimmt sich «Ready Player One» viel zu ernst. Die Firma IOI wird als böse dargestellt, weil sie die Oasis mit Werbeflächen in Geld verwandlen will; dass aber Wade, Halliday und Co. in ihrer popkulturellen Ehrfurcht selbst die Konsumgesellschaft feiern, nimmt der Film kritiklos hin. Auch die Pointe, dass die Oasis im Vergleich zur echten Welt bloss eine weitere Dystopie ist, kehrt Spielberg unter den Teppich. Er strebt hier nur eines an: einen cineastischen Zuckerrausch wie zu seinen besten Zeiten.

Doch die sind längst vorbei. «Ready Player One» ist ein Spektakel mit wenig Inhalt und wenig Herz. Das Traurigste daran ist: Spielberg höhlt damit ein Stück weit sein eigenes Vermächtnis aus. Früher hatte uns seine Kamera den wundersamen kindlichen Blick auf die Welt eröffnet. Doch dieser Neugier und Abenteuerlust scheint er entwachsen.