KINO: «Auf der Erde, um Musik zu sein»

Der Dokumentarfilm «Clara Haskil – Der Zauber des Interpreten» lässt nicht nur das Spiel der legendären Pianistin aufleben. Er geht auch der Magie des Musikmachens selbst nach. Zu sehen ist er im Kinok St. Gallen.

Martin Preisser
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Die Musik der scheuen, geheimnisvollen Pianistin Clara Haskil (1895–1960) fasziniert bis heute. (Bild: Imago)

Die Musik der scheuen, geheimnisvollen Pianistin Clara Haskil (1895–1960) fasziniert bis heute. (Bild: Imago)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Es gibt nur ganz wenig bewegte Bilder von Clara Haskil. Und doch kommt der Film der grossen Pianistin sehr nah. Charlie Chaplin bewunderte sie grenzenlos. «In meinem Leben traf ich drei Genies: Clara Haskil, die beiden anderen waren Einstein und Churchill», sagte der Freund und Nachbar aus gemeinsamen Tagen am Genfersee am Grab Haskils. Die 1895 in Bukarest geborene Künstlerin starb 1960 nach einem tragischen Treppensturz. Eine Tragödie gab es auch bei der Entstehung des Dokumentarfilms «Clara Haskil – Der Zauber des Interpreten». Regisseur Pascal Cling, dem dieser Film sehr am Herzen lag, verstarb 2015. Ein grosser Schock für das ganze Team. Der Pariser Regisseur Pierre-Olivier François hat den Film zusammen mit Prune Jaillet jetzt erfolgreich zu Ende geführt.

Warum ein Film über eine vor fast sechzig Jahren verstorbene Interpretin, von der es keine ­Filme von Auftritten oder Interviews gibt? Zum einen ist er eine wunderbare Dokumentation, feinfühlig, ruhig, die viele Klassikfans begeistern wird. Aber auch Kinogänger, die die Welt der klassischen Musik weniger kennen. Dann steht Clara Haskils Spiel exemplarisch für das Wunder, das Geheimnis von Inter­pretation, welche Hingabe, aber auch Selbstaufgabe, das Hineinwerfen der eigenen Gefühlswelt in ein Musikstück bedeutet.

Der Film erhält seine Intensität durch lange, sehr persönliche Interviews mit Musikern, Musikwissenschaftern und Freunden. Alain Lompech, Journalist bei France Musique, vergleicht die Einmaligkeit von Haskils Spiel mit der Stimme von Maria Callas oder dem Geigenspiel von Yehudi Menuhin: «Sie war gefüllt von Einsamkeit auch in der Welt der Musik.»

Auch Vladimir Horowitz verehrte die Kollegin, die schwierig zu vermarkten und extrem selbstkritisch war. Der Film stützt sich auf 1500 Briefe, die eine humorvolle, aber zerbrechliche und ängstliche Frau zeigen. «Am Klavier bin ich mutiger», sagte Clara Haskil, deren freies, strahlendes und mit ihrer geheimnisvollen Ausstrahlung schwer zu beschreibendes Spiel auch im Film fesselt. Es ist bestimmt und doch fein, entschlossen und doch im schönsten Sinne fragil.

Nur knapp den Nazis entkommen

So facettenreich wie ihr Spiel versucht auch der Film das Leben dieser grossen Interpretin nachzuzeichnen, mit den schönsten Momenten in Vevey am Genfersee, wo die schon als Kind aus ­Rumänien Weggezogene endlich ein Stück Heimat fand. Nur knapp entkam Clara Haskil 1942 in Marseille den Nazis, bevor sie am Genfersee von Freunden aufgenommen wurde. Unbeirrbar, immer wieder von Krankheiten geplagt, ging Haskil ihren Weg. «Sie war auf der Erde, um Musik zu sein», sagt eine Freundin. Je berühmter Haskil wurde, desto mehr wuchs ihr Gefühl für die Verantwortung gegenüber der Musik. «Leicht wie eine Feder» habe sie gespielt, erinnert sich der Maler Michael Garady, den Haskils schöne Hände an die Chopins erinnerten. Wunderbar ist ihr Schumann-Spiel, die «Kinderszenen» oder die «Abegg-Variationen», und ihr unvergleichlich nuancenreiches, natürlich fliessendes Mozart-Spiel. Der Dirigent und Pianist Christian Zacharias ist durch Haskil als junger Musiker selbst zu seinem erfolgreichen Mozart-Spiel angeregt worden und spricht von der «ungebrochenen Modernität» ihres Spiels.

Der Film lässt die Musikerin wieder auferstehen

Regisseur Pierre-Olivier François, der den Zauber von Haskils Kunst erst während der Arbeit am Film entdeckte, freut sich, mit der Dokumentation die Möglichkeit gehabt zu haben, «jemanden wieder auferstehen zu lassen». Das ist dem Film gelungen, er rückt Clara Haskil behutsam und doch strahlend ins Zentrum und geht der Frage des Mysteriums der Interpretation an sich nach. Ein gelungener Kunstgriff ist die Rahmenhandlung mit Szenen aus dem Clara-Haskil-Wettbewerb in Vevey, wo junge Pianistinnen und Pianisten ihre Zugänge zu Interpretation zeigen und damit viel von ihrer eigenen Persönlichkeit. Dass im Film dann keiner den Preis gewinnt, überrascht. Die Jury hat aber das ­Andenken an Clara Haskil hochgehalten und die Qualitäts­ansprüche, die diese besondere Künstlerin an sich selbst stellte, nicht verwässert.

Hinweis

Filmstart in St. Gallen: Sa, 7.4., 17 Uhr, Kinok. Der Regisseur Pierre-Olivier François und der Produzent Heinz Dill sind anwesend.