Kindertheater mit «Oli Twist» in Amriswil: «Fressen oder Gefressen werden»

Der Thurgauer Regisseur Florian Rexer bringt mit einer bunten Truppe aus Kinderschauspielern und Profis den Klassiker «Oli Twist» auf die Bühne des Kulturforums Amriswil. Eine überzeugende Premiere mit umwerfend authentischen, brutalen aber auch ergreifenden Szenen.

Markus Wigert
Hören
Drucken
Teilen
Hans Rudolf Spühler (Mitte) spielt den Bandenchef Fagin mit einer Mischung aus diebischem Wiederholungstäter und grossväterlicher Grossherzigkeit.

Hans Rudolf Spühler (Mitte) spielt den Bandenchef Fagin mit einer Mischung aus diebischem Wiederholungstäter und grossväterlicher Grossherzigkeit. 

Bild: Andrea Stalder

Hart und unerbittlich geht es zu und her auf den Strassen Londons in den Quartieren der Industriearbeiter. Dort ist der Gesellschaftsroman von Charles Dickens  verortet, der 1838 in seiner Erstausgabe erschien. Er erzählt die Geschichte des Waisenjungen Oliver Twist, der zuerst im Armenhaus und nach einer siebentägigen Flucht schliesslich in London strandet. Aus diesem Plot machen Florian Rexer und die Regieassistentin Dunja Tonnemacher eine Bühnen-Adaptation, die den Roman sowohl vereinfacht wie auch dramaturgisch strafft.

Über Umwege gerät der mittellose Oli in die Fänge des Diebesbosses und Hehlers Fagin und seiner ihm treu ergebenen Kinderbande, wo der Waisenjunge zum ersten Mal so etwas wie Nestwärme spürt. Im Schnellverfahren wird er von den Kinderdieben in die Tricks des Beutemachens eingeführt. Umwerfend authentische, brutale aber auch ergreifende Szenen gelingen der bis in die Fingerspitzen motivierten Kindertruppe, welche auch in den musicalhaften Gesangszenen und Choreografien erstaunlich professionell auftreten.

Bis in die Fingerspitzen motiviert: die jungen Darstellerinnen und Darsteller überzeugen in «Oli Twist».

Bis in die Fingerspitzen motiviert: die jungen Darstellerinnen und Darsteller überzeugen in «Oli Twist». 

Bild: Andrea Stalder

Im gleichen Atemzug muss auch der schweizweit bekannte Schauspielprofi Hans Rudolf Spühler als mit allen Wassern gewaschener Fagin erwähnt werden. Was er an schauspielerischer Präsenz und komischer Kauzigkeit am Premierenabend abliefert, ist schlicht grossartig. Eine Mischung aus diebischem Wiederholungstäter und grossväterlicher Grossherzigkeit - in bester Tradition der grossen Volksschauspieler. 

Zurückhaltender Titelheld, und dadurch erst recht authentisch

Mit dem Auftritt von Missis Brownlow, verkörpert von Deborah Loosli, einer Dame aus reichem Geldadel, wird es  kompliziert im gut zweistündigen Stück. Durch eine glückliche Fügung findet der Protagonist Unterschlupf im Haus der vornehmen Missis Brownlow, die von Anfang an eine grosse Sympathie zum gestrandeten Strassenjungen  entwickelt, aus ihr zunächst unerklärlichen Gründen.

Es wird sich aber  bald zeigen weshalb: In Tat und Wahrheit schält sich heraus, dass Oli der Sohn ihrer Tochter und sie somit seine Grossmutter ist. Eine Grossmutter voller Liebreiz, Charme und Empathie, bei welcher Oli förmlich aufblüht und zu neuem Leben erweckt wird. Linus Itten verkörpert die Rolle des Titelhelden eher zurückhaltend und verleiht ihr dadurch erst recht ein authentisches Profil, das dem Premierenabend einen tragenden roten Faden verleiht.

Aktuelle Bezüge zum Brexit

Dass die Premiere auch die aktuelle Politik nicht scheut, darf als gelungene Idee der Regie bezeichnet werden. So liest der Co-Produktionsleiter Andreas Müller als Tagesschaumoderator mit standesgemäss ernster Miene dem Publikum folgende Meldungen vor:  «Nach Sozialleistungskürzungen steigt die Kinderarmut in Grossbritannien rasant an und in der Schweiz leben nach neuster Statistik 650'000 Armutsbetroffene».

Auch in den musicalhaften Gesangszenen und Choreografien treten die jungen Darstellerinnen und Darsteller erstaunlich professionell auf.

Auch in den musicalhaften Gesangszenen und Choreografien treten die jungen Darstellerinnen und Darsteller erstaunlich professionell auf.

Bild: Andrea Stalder

Für die stimmigen Kostüme und die Bühnenausstattung zeichnet Natalie Péclard verantwortlich und die Choreografien sind unter der Leitung von Rita Bänziger und Giulia Esposito entstanden.

«Oli Twist» (nach Charles Dickens), weitere Vorstellungen in Amriswil, Frauenfeld, Arbon, bis 29.2.2020; Infos unter www.olitwist.ch

Mehr zum Thema

«Oliver Twist» in Bregenz: Mord für Anfänger und Fortgeschrittene

Das Vorarlberger Landestheater zeigt sein Weihnachtsstück «Oliver Twist» nach dem Roman von Charles Dickens in zwei Spielfassungen des Regisseurs Ingo Berk. Die kürzere, «entschärfte», ist ab sechs, verharmlost das Elend aber nicht. Spannend und sehenswert sind beide.
Bettina Kugler