KINDERSTÜCK: Überleben mit dem Mamabiest

Professor Kleinbiest kennt sich aus mit Verbiesterten: In «Der Kleine und das Biest» geht es um Depression. Am Samstag hat die Co-Produktion von Theater und Figurentheater St. Gallen Premiere.

Bettina Kugler
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Der Gemeine Brüller, wie er leibt und lebt: Professor Kleinbiest (Marcus Schäfer) klärt auf. (Bild: Urs Bucher)

Der Gemeine Brüller, wie er leibt und lebt: Professor Kleinbiest (Marcus Schäfer) klärt auf. (Bild: Urs Bucher)

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Der Gemeine Rote Brüller will gerade nicht brüllen. Augenblicklich müsste er jetzt im Bild erscheinen, gefährlich knurrend und sofort wiedererkennbar. Doch es bleibt still und dunkel. «Du musst den Beamer starten, Marcus», ruft Regisseurin Frauke Jacobi in Richtung Bühne. Ah ja, der Beamer, Moment … Da ist er schon. Der Probedurchlauf im Figurentheater, an diesem Nachmittag vor Testpublikum, kann weitergehen. Wenig später hat der Badeschreck seinen animierten Auftritt, dann noch die Meckerjaule. Die Artenvielfalt unter Biestern ist gross; jedes Kind kennt sie, fast jedes verwandelt sich hin und wieder auch mal in eins oder gerät in die Fänge eines unerfreulichen Exemplars.

Ein ernstes Thema, leicht angepackt

Die kleine Biesterkunde ist le­diglich der Rahmen im Stück «Der Kleine und das Biest», nach dem gleichnamigen Animationsfilm und Bilderbuch von Marcus Sauermann und Uwe Heidschötter. Gezeigt wird es ab Samstag als Co-Produktion des Theaters St. Gallen mit dem Figurentheater; zunächst gibt es acht Vorstellungen auf der Puppenbühne, im September weitere im Studio des Theaters. Zudem ist das Stück mobil buchbar für Schulklassen.

Im Jahresprogramm wird es für Kinder ab 4 Jahren empfohlen, das aber sei etwas tief gegriffen, sagt Frauke Jacobi, Leiterin des Figurentheaters. Vielleicht auch, weil der ernste Stoff – ein Kind, dessen Mutter eine Depression durchmacht, «verbiestert» ist – auf der Bühne nicht ganz so leichtfüssig und bunt wirkt wie im Film und im daraus ent­standenen Bilderbuch. «Ich habe nicht gezielt nach einem Pro­blemstoff gesucht. Aber das Buch hat mich in seiner Bildsprache sofort angesprochen, es hat mich gereizt, Spiel, Figuren und animierte Bilder zu kombinieren.» Aus sechs Filmminuten und etwa zwanzig Sätzen haben Frauke Jacobi, Dramaturgin Anja Horst und der Schauspieler Marcus Schäfer eine Spielfassung entwickelt. Das Stück als solches ist erst im Laufe der Proben entstanden – und zu Beginn der Premierenwoche noch nicht ganz fertig.

Parcours zwischen Rollen und Figuren

Marcus Schäfer feilt weiter an den Rollen, die er solo auf der Bühne übernimmt, als Spieler in Lebensgrösse und mit Figuren. Die wichtigste: ein pelziges Ungetüm mit Hörnern, riesigen Zähnen, knotigen Pranken. Es ähnelt ein bisschen dem allseits beliebten «Grüffelo». Das Mamabiest. Sieht böse und gefährlich aus, ist aber vor allem furchtbar traurig. Daneben interagiert der Schauspieler mit animierten Bildern und Flachfiguren. Nebenbei er­ledigt er technische Handgriffe – zur rechten Zeit den Beamer anschalten, zum Beispiel.

Eine Herausforderung sei das, sagt Marcus Schäfer. Sonst steht er auf der grossen Bühne im Theater St. Gallen; gern gibt er seinen Figuren vor allem mit sprachlicher Finesse Leben, Charakter und Plastizität. Für Kinder und nah am Publikum zu spielen fasziniert ihn aber ebenso sehr. Mobil war er zuletzt als «Traumfresserchen» unterwegs. «Figurenspiel braucht ungeheuer viel Übung und Präzision», stellt er jetzt fest. «Jeder Handgriff muss sitzen.» Zum Glück hat er mit Frauke Jacobi eine Regisseurin, die weiss, was im Zusammenspiel mit Figuren gut funktioniert.

Als Professor Kleinbiest, Experte für Biester aller Art, steckt Schäfer im weissen Kittel und hat eine Schutzbrille vor den Augen: ein skurriler, komödiantischer Typ. Darunter trägt er Jeans-Latzhosen und ein rotes T-Shirt. Im Kinderladen-Look der Siebziger spielt er «den Kleinen», der alles selber machen muss, seit seine Mama verbiestert ist. Morgens zerrt er sie mühsam aus dem Bett, mahnt sie zur Eile, zu einem gesunden Zmorgen, zum Zähneputzen, Kämmen. So fürsorglich und streng, wie das sonst Mütter machen. Den Professor braucht es als Vermittlerfigur – auf leichte, nicht allzu pädagogische Art kann er die Verbindung zu den Kindern im Publikum schaffen und Dinge erklären. Am Parcours zwischen seinen vielen Funk­tionen auf der Bühne arbeitet er noch. «Es darf nicht dauernd nach Umbau aussehen.»

Trotz des schwierigen Themas soll das Stück Spass machen und allenfalls betroffenen Kindern nicht zu nahe treten. Aus langjähriger Erfahrung als Dramaturgin für Kinder- und Jugendtheater weiss Anja Horst jedoch, dass Kinder mehr verarbeiten können, als ihnen oftmals zugetraut wird. «Für Kinder, die ähnliche Erfahrungen machen, kann ein Thema durch eine solche Geschichte besprechbar werden.»

Sa, So, Mi und weitere Vorstellungen jew. 14.30 Uhr (am 1.4. auch 19 Uhr), Figurentheater St. Gallen