10'000 Franken für ein ganz besonderes Buch: Der Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis wird vergeben

Der Preis der Solothurner Literaturtage richtet sich an ein breites Publikum. Die Fachjury hat drei Bilderbücher, eine Graphic Novel und einen Jugendroman nominiert.

Bettina Kugler
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Jedem Kind seine Angst als Schutz und Begleiter: Francesca Sanna zeigt grosse Gefühle in starken, einleuchtenden Bildern.

Jedem Kind seine Angst als Schutz und Begleiter: Francesca Sanna zeigt grosse Gefühle in starken, einleuchtenden Bildern.

Bild: Francesca Sanna/NordSüd

Geborgen und mit der Welt zufrieden, lässt sich ein Mädchen von einem riesigen schlafenden Geist umfangen. Vor den beiden steht ein Rucksack, auf dem Rücken des Riesen ruht die Stadt, wie aus Buntpapier ausgeschnitten und geklebt – und es fällt Regen. Schon im Titelbild erzählt die 1991 auf Sardinien geborene Francesca Sanna verdichtet die Geschichte von «Ich und meine Angst»; sie nimmt dabei beiläufig Bezug auf ihre eigene Biografie, lotet Gefühle aus zwischen Fremdsein und Heimat, zwischen Angst und Sicherheit.

So jung die Künstlerin und Wahl-­Zürcherin ist, hat sie doch längst einen Namen in der Bilderbuchszene, weit über die Schweiz ­hinaus. Mit ihrem Buch «Die Flucht» wurde Francesca Sanna aus dem Stand bekannt. In nur wenigen Jahren legte sie gleich mehrere herausragende Titel vor und fand internationale Beachtung.

Die Shortlist zeigt die Schweizer Vielfalt

Es verwundert also kaum, dass sie es mit dem 2019 erschienenen «Ich und meine Angst» auf die Shortlist des neuen Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises geschafft hat. Je ein Bilderbuch aus der Romandie und dem Tessin kommen hinzu, ein Jugendroman und eine Graphic Novel. Junge Verlage sind mit von der Partie: die vor zwei Jahren gegründete Edizione Marameo und da bux aus Werdenberg, spezialisiert auf Texte für jugendliche Lesemuffel.

Auf den ersten Blick wirkt die Auswahl wie ein gut Schweizerischer Kompromiss: vorbildlich, vielfältig und ausgewogen. Drei Frauen und vier Männer sind nominiert, drei von vier Sprachregionen vertreten. Newcomer stehen neben bereits bekannten Namen – ein Musterfall wie aus dem Schulbuch. Doch gerade davon will sich der neue Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis ein wenig befreien.

Die Buchhändler und Verlage sind neu mit im Boot

Zwar wird Leseförderung weiterhin grossgeschrieben, umso mehr nach dem ernüchternden Ergebnis der letzten Pisa-Studie puncto Leselust und Lesekompetenz in der Schweiz. Mit der neuen Trägerschaft aber hat sich das Schweizer Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM starke Partner mit einem weit reichenden Netzwerk ins Boot geholt: zum einen den Buchhändler- und Verlegerverband SBVV, zum anderen die Solothurner Literaturtage.

Sie sollen dem Preis, insbesondere aber den nominierten Büchern die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums sichern. Jurypräsidentin Christine Lötscher sagt:

«Neben der Literatur für Erwachsene führen Kinder- und Jugendbücher noch immer ein Schattendasein in der öffentlichen Wahrnehmung.»

Das sei zu Unrecht der Fall, « denn die Sparte bietet ebenso viel Innovatives, ästhetisch Herausragendes, für jedes Alter.» Ein Beispiel sei Emmanuelle Houdars «Grandir», das in opulenten Bildern von den Metamorphosen auf der Reise durchs Leben erzählt.

Die Zürcher Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin Christine Lötscher ist Juryvorsitzende.

Die Zürcher Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin Christine Lötscher ist Juryvorsitzende.

Bild: Berger Claudia

«Es spricht mich auch als erwachsene Frau an», sagt die Jurypräsidentin, «es ist ein klassischer All-Age-Titel.» Ebenso Nando von Arbs Graphic Novel «3 Väter» über den chaotischen Alltag einer Patchworkfamilie, konsequent aus der Perspektive des Kindes betrachtet, in kindlich anmutenden Zeichnungen. Hier bewährt sich Familie als Feld, das zeitlebens Gesprächsstoff und Geschichten liefert.

Kein Sachbuch, wenig erzählende Literatur

Eines von 5 Büchern der Shortlist: Nando von Arbs Graphic Novel «3 Väter» aus der Edition Moderne.

Eines von 5 Büchern der Shortlist: Nando von Arbs Graphic Novel «3 Väter» aus der Edition Moderne.

Bild: Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis

Hochwertig gestaltet sind alle fünf Bücher, die für ihre Nomination bereits 2500 Franken erhalten; der Hauptpreis ist mit zusätzlichen 100'000 Franken dotiert. Auf Subkategorien hat die Jury verzichtet, entscheiden soll allein die Qualität. So ist im ersten Jahr kein Sachbuchtitel auf der Shortlist – und auch nur ein erzählendes Buch. «An sich gibt es da eine Schweizer Tradition, etwa mit Franz Hohler oder Hanna Johansen», räumt Christine Lötscher ein. «Aber verglichen mit dem, was sich gerade im Bereich Bilderbuch tut hierzulande, war es weniger spannend.»

Im Kommen dagegen sind Jugendromane, und stark darin da bux. Der Verlag lässt namhafte Autoren einfach und treffsicher für Teenager schreiben. Krimiautor Sunil Mann ist hier mit «Totsch» das vielleicht Schwierigste gelungen: eine authentische, berührende Story auf 50 leicht lesbaren Seiten.