KINDERBUCH: Die karierte Hose der Schweiz

Heute erscheint ein neues Globibuch. Es zeigt exemplarisch, wie aus dem frechen Vogel ein braver Wissensvermittler wurde. Globi muss aufpassen, dass er seine Seele nicht an den Meistbietenden verkauft.

Katja Fischer De Santi
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Katja Fischer De Santi

katja.fischer@tagblatt.ch

Jetzt also auch noch die ETH. Globi schreckt in seinem 85. Lebensjahr selbst vor der Eidgenössischen Technischen Hochschule nicht zurück. Der gefiederte Nationalheld hetzt, geschrumpft durch einen V-Nator von Forschungsabteilung zu Chemielabor und landet nach Abstechern in der ETH-Kinderkrippe am Polyball. Lustiger und kindgerechter kann man Naturwissenschaften wohl kaum an künftige Studierende vermitteln.

Denn Globi, die berühmteste Schweizer Kinderbuchfigur, ist noch immer ein Hit – und richtig gut im Geschäft. Pro neue Ausgabe gehen im Schnitt allein im ersten Jahr 25000 Bücher über den Ladentisch. Das ist viel. Dazu kommen ähnlich viele CDs, Taschen, Tassen, Socken, Verkehrsschilder und Kinder-Champagner mit Globis Konterfei. Mehr als 150 Artikel umfasst der Globi-Shop mittlerweile – ohne klassische Globibücher. Wobei auch diese immer öfters in Kooperationen, wie nun mit der ETH, erscheinen. Für Globi ist das nichts Neues.

Schon 1997 liess sich Globi zum ersten Mal auf ein Geschäft mit einer Schweizer Institution ein: Der Post. Das Buch wurde ein Erfolg. Seither stehen Firmen und Interessengruppen bei Globi Schlange. «Wir erhalten viele Anfragen für Zusammenarbeiten», sagt Gisela Klinkenberg, seit 1995 Leiterin des Globi Verlags. «Wer in der Schweiz bei den Kindern gut dastehen will, der landet früher oder später bei uns.» Das Schweizer Fernsehen, die SBB, die Stadtpolizei Zürich, die Rega und das Rote Kreuz haben mit dem blauen Vogel schon ihr Image aufpoliert.

Wo Globi drauf steht, ist Swissness drin

Wer mit Globi wirbt, dem fliegen die Kinderherzen zu und jene der Eltern gleich mit. Globi steht für Swissness, für Qualität. Er hat das bessere Image als seine amerikanischen Disney-Kollegen, ist witziger als Heidi, intelligenter als Janoschs Tiger und Bär. «Globi ist ein Tausendsassa und fröhlicher Schlingel, oft frech wie ein Dachs, dann aber wieder weichherzig und von ergreifender Gemütstiefe», beschreibt Globus-Reklameleiter Ignatius Karl Schiele «seinen» Globi 1938. Damals machte Globi, gezeichnet von Robert Lips, noch ausschliesslich Werbung für das Warenhaus. Mit derart durchschlagendem Erfolg, dass die Figur bereits 1944 in eine eigene Verlagsfirma integriert wurde.

Die Kinderwelt ist heute eine andere, bunter, schneller und ­digitaler. Die schwarz-weiss gedruckten Globibücher mit ihren hölzernen Reimen und dem stets präsenten Mahnfinger wirken hoffnungslos veraltet. Und doch wächst nun schon die dritte Generation Schweizer Kinder mit Globi auf.

Globi wurde Gewalttätigkeit vorgeworfen

Es sah nicht immer so rosig aus für die Kinderbuchfigur. In den 1970er-Jahren geriet Globi unter Beschuss. Ihm wurden Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Gewalttätigkeit vorgeworfen. Globis derbe Spässe im «Negerland» entsprachen nicht mehr dem Zeitgeist.

Der Papagei musste Federn lassen. Aus dem frechen Weltenbummler, der auch mal auf Hühner schoss und Katzen ertränkte, wurde ein witziger, aber grundanständiger Wissensvermittler. Heute erklärt Globi nicht mehr die Welt, sondern vor allem die Schweiz. Nach Paris reisen und in der Tiefsee tauchen können auch andere. Mit der Spezialeinheit in Zürich einen Goldraub aufdecken kann nur Globi. «Bei Umfragen wünschen sich die Kinder möglichst realistische Globi­bücher», sagt Gisela Klin­kenberg. Berufe und Tiere seien der Renner. Für die Verlagsleiterin ist es eine Gratwanderung, das richtige Mass zu finden zwischen Wissensvermittelung und spassigem Abenteuer. «Globi muss immer Globi bleiben, wir dürfen seine Seele nicht verkaufen». Dafür seienviele Gespräche und Verhandlungen mit den Partnern nötig. Nicht immer gelingt es. Für das Sachbuch «Globi und die Energie» wurde der Verlag stark kritisiert. Globi werde für politische Ziele, in diesem Fall die Energiewende, missbraucht, hiess es. Und auch «Globi der schlaue Bauer» in Zusammenarbeit mit Bio Vision ist nicht frei von Ideologie. Etwa wenn Globi in Schutzkleidung alle «bösen» Spritzmittel vom Bauernhof entfernt. Doch auch hier kann Globis Vergangenheit als Verteidigung ins Feld geführt werden. Schon für Globi-Erfinder Schiele war klar, dass Globis «positive nationale Propaganda» dem Aufbau «der gerechten Sache» verpflichtet ist.

Globi ist die gelebte Zuverlässigkeit seit 83 Jahren

Globi war und ist mehr als eine Kinderbuchfigur. Globi ist die Schweiz, wie sie sich gerne sieht. Freundlich, gutherzig, clever, etwas hinterlistig, etwas bünzlig und unglaublich zuverlässig. Seit 83 Jahren erscheint jedes Jahr mindestens ein Globibuch. Da können ringsherum Kriege toben, sich Atommächte bedrohen, Mauern hochgezogen und wieder abgerissen werden. Globi bleibt Globi: Schwarz-Weiss-Bilder auf einer Seite, dazu sechs Vierzeiler. Im Zoo, bei der Post, in den Bergen, beim Roten Kreuz und jetzt auch noch an der ETH. Die Schweiz von ihrer besten Seite und mitten drin dieser blaue Vogel.

Globi und die verrückte Maschine, Globi Verlag, Fr. 22.90, ab heute im Handel