Killer, Heilige, Huren und Helden

Nicht Richard Gere und Ethan Hawke sind die Stars im neuen Krimi «Brooklyn's Finest» von Antoine Fuqua und Drehbuchautor Michael Martin – New York ist in einer tragenden Nebenrolle.

Roman Elsener/New York
Drucken
Teilen
Brooklyn – mehr als nur Kulisse. (Bild: Frenetic Films)

Brooklyn – mehr als nur Kulisse. (Bild: Frenetic Films)

Manchmal ist es so, als gebe es New York zweimal – zum einen die 8-Millionen-Stadt an der Ostküste der USA, eine der sichersten Grossstädte der Welt, schwarzblau gekleidete Gesetzeshüter an jeder Ecke, Nulltoleranz gegenüber Verbrechen, gelbe Taxis, grüne Parks, tolle Architektur.

Zum anderen jenes New York, das man aus Kriminalfilmen kennt, meist nachts in Brooklyn, Queens oder der Bronx, die dunklen Strassen und windigen Subways, die «Projects» genannten Hochhäuser, in denen Arme

ghettoisiert werden und Drogendealer und urbane Cowboys mit gezogenen Waffen durch Hundeparks rennen.

Nicht alles ist real

Auch wenn beide Seiten existieren, oft stimmt die Realität nicht ganz mit dem Film-New-York überein. Den 65. Polizeibezirk im neuen Thriller «Brooklyn's Finest» mit Richard Gere, Ellen Barkin, Ethan Hawke und Don Cheadle gibt es in New York zum Beispiel nicht.

Die «BK Projects», im Film 18 Hochhäuser mit 15 000 Bewohnern, sucht man auf der Karte Brooklyns ebenfalls vergeblich. Zu hoffen bleibt, dass die traurige Geschichte um drei Angehörige von «New York's Finest», wie die Polizei hier von der Bevölkerung mit einer gehörigen Portion Ironie genannt wird, auch nicht stimmt: Sie handelt von einem korrupten Polizisten (Hawke), einem suizidgefährdeten Alkoholiker (Gere) und einem Undercover-Agenten mit Loyalitätsproblemen (Cheadle), kaum einer der Gesetzeshüter im Film ist sauber.

Strassenzölle und Drehbücher

«Ich wünsche mir, dass Hollywood einmal einen Streifen schiesst über die 99 Prozent der Polizisten, die ehrlich und mit bestem Willen ihren Job machen, beschwerte sich der pensionierte NYPD-Detektiv Louis Savarese, der 33 Jahre lang Dienst in dem im Film gezeigten Gebiet geleistet hat, gegenüber dem konservativen Boulevardblatt «New York Post». Die Zeitung betitelte ihre Kritik des Films: «Zurück an die Polizeischule mit <Brooklyn's Finest?!>».

Dabei sollte Drehbuchautor Michael Martin wissen, wovon er schreibt, auch wenn sich die Geschichte der Entstehung des Films selber anhört wie ein Hollywoodmärchen: Martin arbeitete als Strassenzoll-Eintreiber und Signalwärter für die öffentlichen Verkehrsunternehmer New Yorks, als ihn ein Autounfall für Monate ans Bett fesselte. Wie sollte sich der schlechtbezahlte Transitangestellte nach seiner Genesung ein neues Auto leisten können? Er stiess auf einen Online-Wettbewerb für Drehbücher und

beherzigte den Rat, den jeder Autor in der ersten Lektion lernt: Schreib über das, was du kennst! Martin nahm das Project in East New York, in dem er lebte, als Hintergrund und die Geschichte, die ihm sein Mitbewohner – ein Polizeischüler – erzählte, als Vorlage.

Bei Ratten und Kakerlaken

Die Van Dyke Projects in Brownsville, Brooklyn, dienen dem aus Martins Vision entstandenen Film als Kulisse, hier sind die Boxer Mike Tyson und Riddick Bowe aufgewachsen, hier rappten RZA und U-God als Jungs auf der Strasse.

Der junge Cop an der Ecke zu den Projects zuckt mit den Schultern. Mit ihm und seinem Job habe der Streifen nichts zu tun, das Leben sei doch ganz anders als ein Film. Eigentlich darf er mit Reportern gar nicht reden, dafür müsste er vom Departement die Erlaubnis haben. Und über Korruption spricht man schon gar nicht. Lieber präsentiert die Polizeistelle ihre Erfolgsstatistiken: Seit den Neunzigerjahren gilt New York City als sicherste Grossstadt Amerikas, gerade in Brownsville sei die Mordrate 87,5 Prozent zurückgegangen im Vergleich zu 1993.

Das heisst, dass in dem Quartier 2009 «nur» noch 21 Personen umgebracht wurden. Ganz wohl ist es dem weissen Nordeuropäer in diesen Projects also auch tagsüber nicht. Es ist klar, wer hier nichts zu suchen hat, freiwillig hängt man da nicht herum. Antoine Fuqua hat seine hochdotierten Schauspieler nachts in diese Gegend geschleppt, «in gefährliche Situationen und zu Ratten und Kakerlaken», wie der Regisseur des Erfolgsfilms «Training Day» selber sagt.

Er und die Filmstars erzählen von freundlichen Begegnungen mit den Bewohnern der Hochhäuser, von Hunderten Schaulustigen, die die Dreharbeiten begleiteten und Wesley Snipes als Gangsterboss Casanova begrüssten, «als wäre er John Lennon».

Und genau damit gewinnt der Streifen an Authentizität, schafft es, das New Yorker Filmbild wieder mit der Realität zu versöhnen, die Stadt nicht nur als Kulisse zu benutzen, sondern ihr eine tragende Nebenrolle zu verschaffen –

etwa in der Szene am Südende des East Rivers vor der Skyline Manhattans, in der Casanova seinem vermeintlichen Freund, dem Undercover-Agenten, erklärt, wie mexikanische und kolumbianische Gangs mit Verrätern umspringen.

Explosiver Schluss

Neu sind zwar weder die Figuren noch die Dialoge. Hawke erinnert als katholischer, korrupter Polizist an Abel Ferraras «Bad Lieutenant», Gere steckt als alter, desillusionierter Polizist in einer ähnlichen Situation wie

Bruce Willis in «16 Blocks», Cheadle wiederum findet seinen Charakter in einem Dilemma, dem sich auch Leonardo Di Caprio in Scorseses «The Departed» stellen muss. Geschickt eint der Film aber die drei voneinander unabhängigen Geschichten im explosiven Schluss im Brooklyner Project – die Stadt als Hut, unter dem alles untergebracht werden kann; der Dom, der Platz findet für die Heilige und die Prostituierte, den Killer und den Helden.

Aktuelle Nachrichten