Kermani verheddert sich im Liebesnetz

Ein moderner Autor hat es nicht leicht. Was und worüber er auch schreibt – andere taten es schon vor ihm, und viele besser, als er selbst es je könnte.

Valeria Heintges
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Navid Kermani: Sozusagen Paris, Hanser 2016, 287 S., Fr. 28.90

Navid Kermani: Sozusagen Paris, Hanser 2016, 287 S., Fr. 28.90

Ein moderner Autor hat es nicht leicht. Was und worüber er auch schreibt – andere taten es schon vor ihm, und viele besser, als er selbst es je könnte. Doch Themen wie Liebe oder Ehe trieben nicht nur die Autoren der vergangenen Jahrhunderte, ja Jahrtausende um – über diese Themen wollen auch Zeitgenossen schreiben.

Wie herauskommen aus dem Dilemma? Man greift die Literaturgeschichte auf, lautet die Antwort von Navid Kermani, der in diesen Tagen immer wieder als Kandidat für das Amt des deutschen Bundespräsidenten gehandelt wird. In seinem neuen Roman «Sozusagen Paris» spiegelt sich Kermani in den französischen Klassikern des 19. und 20. Jahrhunderts, um mit ihnen gemeinsam das grosse Thema «Liebe in der Ehe» anzugehen. Der Liebe des heranwachsenden Mannes widmete Kermani, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, bereits den wunderbar intelligenten Roman «Grosse Liebe» vor zwei Jahren. «Die Schönste vom Schulhof», in die sich der junge Autor darin so fürchterlich verliebte, trifft der erwachsene 30 Jahre später wieder: Nach einer Lesung steht sie vor ihm und wünscht eine Widmung in das Buch, dessen Hauptperson sie selbst ist.

Der Autor, der Kermani behauptet zu sein, der aber natürlich nur sein literarisches Ich ist, verliert sich sofort in Wunschphantasien, wie sehr die Frau aus der Provinz den grossen, bekannten Dichter anhimmeln wird. Doch die Realität sieht anders aus: Die Geliebte von einst ist Bürgermeisterin des Ortes; schon beim anschliessenden Essen in grosser Runde wird sie den Autor an den Rand der Aufmerksamkeit drängen. Sie landen dann doch noch bei ihr, im Wohnzimmer des Hauses, in dem sie mit Ehemann und drei Kindern lebt.

Eine Nacht lang werden sie sitzen, trinken, rauchen. Und reden. Sie erzählt, er schweigt und schaut sie an – sie und das Bücherregal, vor dem sie sitzt. Dort stehen sie alle: Balzac, Dumas, Flaubert, Stendhal, Zola. Und Proust, immer wieder Proust und seine «Suche nach der verlorenen Zeit»; aus ihnen wird er zitieren, seitenweise. Er hört, woran die Ehe krankt, die in Südamerika begann und in der deutschen Provinz hart gelandet ist. Er wird ihren Mann nicht sehen (oder doch?), aber vieles über ihn erfahren, von Beruf, Sport, Vorlieben. Von ihren Gemeinsamkeiten, ihrem Leben, ihrem Liebesleben. Es ist keine besondere Geschichte, sie wird auch unter dem Mikroskop des Schriftstellerauges nicht interessanter. «Juttas Ehekrise sei die gewöhnlichste überhaupt», wird der Lektor sagen. Denn auch der Schreibprozess selbst ist Thema, die Mäkeleien des Lektors und die Werkstatt-Überlegungen des Autors. Beide nehmen jede Kritik an dem Buch vorweg. Und doch wird sich Kermani im Netz, das er um seine doch recht triviale Geschichte spannt, zunehmend selbst verheddern.