Keine Lust auf Friedenstrallala

Krzysztof Minkowski inszeniert am Konstanzer Stadttheater Shakespeares blutiges Königsdrama «Richard III.». Der gewissenlose Machtmensch Richard ist dabei nur unwesentlich schlechter als der ganze verrottete Rest.

Valeria Heintges
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Das Grauen hat begonnen: Der König ist tot, sein Bruder ermordet. Frauen und Kinder trauern (Szenenfoto). (Bild: Ilja Mess)

Das Grauen hat begonnen: Der König ist tot, sein Bruder ermordet. Frauen und Kinder trauern (Szenenfoto). (Bild: Ilja Mess)

Der Winter ist vorbei, jetzt kommt «der Sommer unserer Macht», prophezeit Richard, Herzog von Gloucester. Und dann beginnt er seine Jahreszeit der Gewalt. Es ist keine Friedenszeit, das merkt man sofort, so wie Ralf Beckords Richard da auf der Bühne des Konstanzer Stadttheaters steht, wie er jedes Wort genau setzt, sich seiner eigenen Fähigkeit zur Lüge und zur Täuschung voll bewusst. Das Wort «Friedenstrallala» in der kalten, genauen Übersetzung von Thomas Brasch, spuckt er aus wie etwas Faules, Ekelhaftes, Ansteckendes.

Ekelhafter Kotzbrocken

Krzysztof Minkowski lässt in seiner Fassung von Shakespeares «Richard III.» am Konstanzer Stadttheater keinen Zweifel: Dieser Typ ist ein ekelhafter Kotzbrocken. Allerdings sind seine Mitmenschen nicht besser. Der Hof der Yorks und der Lancaster – ein Haufen Widerlinge. Für sie alle ist «Friedenstrallala» keine Option.

Allen, selbst den spielenden Kindern, ist die Roheit näher als Freundschaft, alle sind aggressiv, übersexualisiert, laut. Ein Volk im Bürgerkrieg, behauptet das Programmheft, die Inszenierung nicht unbedingt. Es könnte ein Drogenkartell in Mexiko sein, Separatisten in der Ukraine, die Gefolgschaft eines afrikanischen Diktators – die Machtkämpfe von Menschen, die nichts zu verlieren haben und niemandem trauen. Einmal singen sie gemeinsam die EU-Hymne «Freude schöner Götterfunken». Zum Fürchten.

«Die Welt rollt abwärts»

Um seine Könige streitet England schon seit Jahrzehnten. «Die Welt rollt abwärts», sagt Richard, und alle lachen gequält. Richards Anspruch ist ein wenig abseitig? Dann muss er eben intelligenter vorgehen als die anderen. Und mehr Menschen um die Ecke bringen als sie. Kein Problem: Ralf Beckords hat vor allem den fiesen Richard sehr gut drauf. Alle fallen auf ihn herein. Seine Mutter, seine Brüder, seine Neffen. Alle glauben ihm seine Schmeicheleien, seine Unschuldsbeteuerungen. Jonas Pätzolds Clarence ist daher zu gutgläubig, auch Friederike Pöschels Elisabeth hofft zu lange.

Andreas Haases Buckingham, Richards Speichellecker, denkt die Ekelhaftigkeiten, bevor sein Chef sie ausspricht – und wundert sich trotzdem, dass ihm seine Belohnung verweigert wird, als Richard endlich auf dem Thron sitzt. Buckingham wird erschossen, Haase wäscht sich das Blut ab, zieht eine andere Perücke an und macht als Reichsretter Richmond weiter. Es wird weitergehen wie gehabt.

Herausragend Natalie Hünig, die Lady Anne als gebrochene Trauernde, dann als machtliebende Richard-Gattin gibt, dazwischen im olivgrünen Overall und mit der Waffe im Gürtel den Gehilfen Catesby, der für ein bisschen Macht bereitwillig sein Gehirn abgibt.

Und zwischen allen: Beckords Richard. Er verzieht das Gesicht zur ironischen Grimasse, schleimt und schmeichelt, da stimmt jede Geste. Minkowski führt seine Darsteller eng und genau. Nur: Warum heiratet Anne den Mörder ihres Ehemanns, warum will ihm Elisabeth die Tochter zur Frau geben? Die Frage trifft das Problem der Inszenierung: Minkowski arbeitet das Stück um Roheit und Gewalt – zu grob. Wenn alle einseitig böse und hinterhältig sind, findet schon die Angst, das nächste Opfer zu sein, auf der Bühne kaum Platz. Dass Richards Schmeichelei eine Saite in den Frauen zum Klingen bringt, die in dieser Welt zum Schweigen verdammt ist, das passt in Minkowskis Regiekonzept nicht hinein, auch wenn es Lady Anne offen ausspricht.

Provokation des Publikums

Denn vielmehr interessiert den 34jährigen in Szczecin (Stettin) geborenen Regisseur die Frage, die er im Programmheft stellt: «Wann ist beim Zuschauen die Grenze überschritten zwischen <cool> und <es ist zu viel>, wenn jemand umgebracht wird?» Abgesehen davon, dass das Publikum, auf seinen Sitzen sitzend, wenig Möglichkeiten hat zu zeigen, wann es etwas «nicht mehr cool» findet – ist die Frage erstens infantil und zweitens uninteressant. Man weiss bald, was passieren wird, wenn ein Opfer zur Trinkflasche mit Theaterblut greift. Wieder wird einer erschossen (da gibt es viele Varianten), mit dem Hammer erschlagen, erwürgt, erstochen oder ihm wird mit der Schädel aufgebohrt. Dazu werden Gedärme geworfen und Hirn gefressen.

Berufen auf Gott und Bibel

Die spannende Frage, wie eine innerlich völlig verrohte Gesellschaft den Weg aus all der Gewalt finden kann, verliert Minkowski dabei aus den Augen. Auch dass sich alle auf den christlichen Gott und die Bibel berufen, wenn sie morden, wäre aktuell eine spannende Lesart gewesen. Aber Minkowski, der am Theater St. Gallen schon Stephan Lacks «Pflicht oder Wahrheit» inszenierte und dessen Version von Millers «Hexenjagd» ab 28. März zu sehen sein wird, war die sinnlose Provokation leider wichtiger.