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Keine Angst vor Christoph Büchel

Christoph Büchel erhält heute in Basel den Prix Meret Oppenheim. Der medienscheue Künstler mit Wurzeln im Rheintal gehört zu den führenden Künstlern seiner Generation. Er macht Kunst, die niemanden kalt lässt und Gefühle und Intellekt gleichermassen anspricht.
Christina Genova
Am Ende von Christoph Büchels Parcours durch den St. Galler Wasserturm landet man in einer Werkstatt.

Am Ende von Christoph Büchels Parcours durch den St. Galler Wasserturm landet man in einer Werkstatt.

ST. GALLEN. Christoph Büchel hat es nicht so mit den Medien. Der Künstler, der heute in Basel den vom Bundesamt für Kultur (BAK) verliehenen Prix Meret Oppenheim erhält, gibt grundsätzlich keine Interviews. Das aktuellste Porträtbild, das von ihm aufzutreiben ist, ist dreizehn Jahre alt.

Damals war Büchel, der im September 50 Jahre alt wird, 37: bubenhaftes Gesicht, kritischer Blick in die Kamera, die kurzen Haare stehen in alle Himmelsrichtungen vom Kopf. Wenig später muss Christoph Büchel beschlossen haben, dass seine Kunst wichtiger ist als seine Person.

Präzise und detailversessen

Roland Wäspe, der Direktor des Kunstmuseums St. Gallen, versteht das gut. Er kennt Christoph Büchel von mehreren Ausstellungen und sagt: «Seine Arbeit ist so durchdacht, dass sie für sich selber steht.» Präzision oder auch Detailversessenheit sind Begriffe, die Wäspe und auch andere, die den Künstler gut kennen, häufig verwenden, um Büchels Arbeitsweise zu beschreiben, auch das BAK: «Büchels zwanghaft präzise Darstellungen der Realität erscheinen realer als die Realität selbst.» Oft sei die Welt, die er geschaffen habe, voll funktionsfähig, und die Besucher vergässen, dass sie sich in einer Kunstinstitution befänden. Etwa wenn Büchel wie vor fünf Jahren im Erdgeschoss der Wiener Secession einem Swingerclub Gastrecht gewährt oder wie kürzlich an der Biennale in Venedig in einer ehemaligen Kirche eine funktionierende Moschee einrichtet. Letztere hat die Gemüter derart erregt, dass sie nach nur zwei Wochen geschlossen wurde. «Christoph Büchels Werke sind nie harmlos. Sie zielen auf persönliche Erfahrungen ab und verlangen, Stellung zu beziehen», sagt Roland Wäspe. Wie hältst du es mit der Sexualität, wie mit dem Islam? Wie steht es um deine Toleranz? Büchel besitzt ein untrügliches Gespür für wunde Punkte, dunkle Flecken und letzte Tabus. Zielgenau spürt er sie auf – ohne Rücksicht auf Verluste.

«Christoph Büchels Kunst ist nicht auf den Ausstellungsraum beschränkt. Er will damit gesellschaftliche Diskussionen generieren», sagt Giovanni Carmine, der Direktor der Kunsthalle St. Gallen. Er kennt den Künstler schon seit fünfzehn Jahren und ist mit ihm befreundet. Gemeinsam haben sie mehrere Projekte realisiert. «Seine Kunst ist wie ein Spiegel, in den die Gesellschaft nicht gerne hineinschaut, weil er unangenehme Realitäten auf sie zurückwirft.»

Geplatzte Ausstellungen

Mit Skandalen, Ausstellungen die vorzeitig geschlossen werden, oder gar nie aufgehen, hat Christoph Büchel reichlich Erfahrung. 2002 wollte er im Zürcher Helmhaus das Ausstellungsbudget von 50 000 Franken verstecken und es dem Finder zur Verfügung stellen. Daraufhin wurde der Betrag gekürzt, und die Ausstellung platzte. 2007 wurde Büchels unvollendete Installation «Training Ground for Democracy» von der Grösse eines Fussballfeldes im Massachusetts Museum of Contemporary Art noch vor der Eröffnung wieder abgebaut. Der Künstler und das Museum hatten sich unter anderem wegen Kostenüberschreitungen zerstritten.

Nichts für Klaustrophobiker

Christoph Büchel, 1966 in Basel geboren und aufgewachsen, ist Bürger von Rüthi im St. Galler Rheintal. Er spreche auf Knopfdruck akzentfreien Rheintaler Dialekt, heisst es. Seit sieben Jahren lebt der Künstler, der mit einer Isländerin verheiratet ist, in Island.

St. Gallen war vor allem zu Beginn seiner Karriere ein wichtiger Ort für Büchel. Die Galerien Hauser & Wirth und Susanna Kulli, damals noch in St. Gallen beheimatet, förderten ihn, 1999 erhielt er eine Einzelausstellung in der Kunsthalle. Er verwandelte sie mit einer für ihn so typischen Materialschlacht in einen labyrinthischen Parcours durch eine Messie-Wohnung. Die architektonischen Eingriffe seien so prägnant gewesen, dass selbst langjährige Besucher unsicher geworden seien, ob sie sich nicht im Stockwerk geirrt hätten, steht im Jubiläumsband zu 20 Jahren Kunsthalle St. Gallen. Einen der Räume konnte man nur verlassen, wenn man durch die Rückwand eines Schrankes kletterte – nichts für Klaustrophobiker: «Bei Christoph Büchel muss man sich überwinden und über die eigenen Grenzen hinausgehen», sagt Carmine. Die Entsorgung der Einbauten habe die Kunsthalle damals beinahe ruiniert, wird erzählt. Dies erweist sich jedoch auf Nachfrage bei der damaligen Kuratorin Dorothea Strauss als urbane Legende; ein paar Mulden habe man dafür aber schon benötigt. «Mir fällt weltweit kein anderer Künstler ein, der das Seelenleben eines Ichs und gesellschaftliche Fragen so miteinander verknüpft», meint Dorothea Strauss.

Glücksfall für St. Gallen

Im Jahr 2000 stellte Christoph Büchel im Kunstmuseum St. Gallen anlässlich des gewonnenen Manor-Kunstpreises aus. Dafür liess er von Mitarbeitern des Kunstmuseums und Angestellten des Warenhauses Manor deren Sommerkatalog abzeichnen. Auf der Einladungskarte war das erste Basler Tor zur Niederlage des FC St. Gallen abgebildet.

Im Mai 2002 ging im Wasserturm bei der Lokremise St. Gallen, wo sich damals die Galerie Hauser & Wirth eingerichtet hatte, seine Installation «The House of Friction (Pumpwerk Heimat)» auf. Nachdem sie einige Jahre geschlossen war, kann sie seit zwei Jahren jeden Sonntag von 11 bis 18 Uhr auf eigenes Risiko besichtigt werden. Gute Fähigkeiten im Klettern werden vorausgesetzt, denn wie immer bei Christoph Büchel tun sich darin Abgründe auf – im übertragenen, aber auch im eigentlichen Sinne des Wortes. Ein Glücksfall für St. Gallen, denn es ist eine der wenigen permanenten Installationen des Künstlers überhaupt.

Kunst oder Realität? Christoph Büchels schlafender Sicherheitsmann an der Londoner Kunstmesse Frieze. (Bilder: pd)

Kunst oder Realität? Christoph Büchels schlafender Sicherheitsmann an der Londoner Kunstmesse Frieze. (Bilder: pd)

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