Kein Wort wird verschwendet

Sandra Kreisler und Roger Stein machen Liederkabarett. Dass das wesentlich vielfältiger ist, wie die Bezeichnung dafür vermuten lässt, beweisen sie in der Kellerbühne. Unverblümt und klug geht es bei ihnen wortgewandt um Herz und Hirn.

Andreas Stock
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Lieder mit Biss: Roger Stein und Sandra Kreisler in der Kellerbühne. (Bild: Urs Bucher)

Lieder mit Biss: Roger Stein und Sandra Kreisler in der Kellerbühne. (Bild: Urs Bucher)

Wenn Worte verloren werden, heisst das nicht, dass sie verschwinden, singt Sandra Kreisler im Lied, das den mächtigen, hinterhältigen, trügerischen oder akrobatisch aufgetürmten Worten gewidmet ist. Doch die Wörter sind bei Roger Stein und Kreisler in klugen, wortgewandten Händen, der Name ihrer Formation, Wortfront, sinnig gewählt.

Sie machen viele Worte, wie sie selber zugeben – aber verschwendet werden diese bei ihnen auf der Bühne nicht. Im Gegenteil. Gleich zum Auftakt geben sie einem sprechenden, denkenden Herz eine Stimme, das beklagt, dass es eben nur pochen und nicht schreien könne.

Herz aus Freilandhaltung

Um Herzensangelegenheiten geht es an diesem Abend zwar noch mehrmals, doch stets blinzeln hinter einer vermeintlichen Liebesromantik die Teufelchen einer nicht ganz so rosa farbigen Realität hervor. Das glücklich-harmonische Coming-out des 40jährigen Familienvaters «Alfred» im ländlichen Bayern entpuppt sich dabei ebenso als ein Wunschtraum, wie die immerwährende Liebe: «Ich muss weiter, weil mein Herz aus Freilandhaltung stammt», singt Sandra Kreisler. Und auch der Song über die achtjährige Sonja offenbart das Herzchen einer traurigen, einsamen Gestalt.

Solchen Unglücklichen begegnen Wortfront jedoch nicht mit Trübsal. Und wenn kurz mal ein Hauch von Wehmut und Melancholie weht, wischt ihn das Duo schwungvoll mit bissiger Satire weg: Da werden die «Söldner der Gegenwart» kenntlich gemacht, und die Menschen als «Beifahrer der Belanglosigkeit» bedauert und eine böse, unverblümte Hymne auf einen «zeitgemässen Prototyp», das «Postmoderne Arschloch», angestimmt: «Ich sitze in jedem von Euch drin, weil ich so in Mode bin», bekommt das am Mittwochabend etwas spärliche Publikum zu hören.

Liedermacher-Pop

Texte und die Musik stammen von Roger Stein, der in Zürich geboren wurde und seit 15 Jahren in Wien und nun in Berlin lebt. In der Kellerbühne tritt Wortfront als Duo mit «Unplugged»-Programm auf. Die Songs, für eine Band mit Bass, Cello, Schlagzeug und Gitarre geschrieben, werden im Duo von Stein mit Keyboard, E-Piano und Samples begleitet.

Bei manchen Liedern, wie beispielsweise beim «Herbstmanöver», wünschte man sich freilich den vollen Bandklang, weil die Soundelemente aus der Konserve eher zum verspielten Effekt neigen. Das verströmt dann gar viel «Discoglitter», wobei Roger Stein bei seinen 80er-Elektropop-Anleihen durchaus gerne damit spielt. In ihrem Liedermacher-Pop, irgendwo zwischen Konstantin Wecker und Element of Crime, und gespickt mit Elementen aus literarischen Chansons, Rock und Hip-Hop fühlen sie sich sichtlich wohl. Und die Metrik des Hip-Hop in den Reimen gibt ihren Liedern einen eigenen Charakter.

Dichterfürsten beim Grillieren

Sängerin Sandra Kreisler vermag mit ihrer dunklen, warmen Stimme diese stilistischen Variationen zu tragen, und die Schauspielausbildung kommt ihr in der lockeren Art und Weise zugute, in der sie die Songs von Kopf bis Fuss zu verkörpern imstande ist. Roger Stein selbst hat zwei besonders gelungene Solonummern. Im trotzig-frechen Lied «Rentner» wirft er einen ironisch-sarkastischen Blick in die Zukunft. Und die Vergangenheit ist Thema im liebevollen, berührenden Dialekt-Poem, das er als seine Familienchronik zu erkennen gibt.

Das alles ergibt einen äusserst unterhaltsamen Abend. Und als in einer furiosen Klassiker-Hommage Schiller mit Goethe grillieren geht, zeigen sie nochmals, wie viel Spass eben auch viele Worte bereiten können.

Heute Fr und morgen Sa, Kellerbühne St. Gallen, je 20 Uhr

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