Kein Taschentuch für Oberon

Spielzeitauftakt am Vorarlberger Landestheater in Bregenz: Intendant Alexander Kubelka inszeniert Shakespeares «Ein Sommernachtstraum» als Trash-Oper mit Soundkulisse und Naturmusik – leichtgewichtig wie eine Schneeflocke.

Bettina Kugler
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Titania (Laura Mitzkus) im Tiefschlaf – und Oberon (Martin Brachvogel) pirscht sich an mit dem Zaubersaft, der Liebeswirren schafft. (Bild: Anja Köhler)

Titania (Laura Mitzkus) im Tiefschlaf – und Oberon (Martin Brachvogel) pirscht sich an mit dem Zaubersaft, der Liebeswirren schafft. (Bild: Anja Köhler)

Die Elemente setzen den im Elfenwald herumirrenden Liebenden heftig zu auf der Bühne, die Intendant Alexander Kubelka selbst entworfen hat für seinen Bregenzer «Sommernachtstraum». Ja, dass das Feuer launischer Leidenschaften lodert – dafür hat Shakespeare schon reichlich gesorgt mit ineinander verschachteltem Liebeszauber.

Regie im Spiel führt (neben dem braven Handwerker Peter Squenz) ein Herrscher, der zunächst Theseus heisst, dann Oberon. Und als ob die Liebe nicht schon an sich hitzig genug wäre, lässt er seinen täppischen Poltergeist Puck auch noch mit einem Saft experimentieren, der liebestoll macht. K. o.-Tropfen, würde man heute sagen.

Bildstark und musikalisch

Das alles schreit nach Abkühlung. Die hat Kubelka in seine Inszenierung zuverlässig eingebaut. Kühl wirkt der tiefe Bühnenraum – und leicht versifft. Am Hof zu Athen schimmeln die Wände; lautlos steigen schwarze Luftballons gen Himmel: nach heller Freude über die bevorstehende Hochzeit von Theseus und Hippolyta sieht es nicht gerade aus. Es geht aber noch ein paar Grade cooler.

Kaum sind die Handwerksburschen unter Peter Squenz auf den Plan getreten, um die Tragödie von Pyramus und Thisbe einzustudieren (üppig ausstaffiert von Kostümbildnerin Andrea Hölzl), montieren sie weisse Plüschteile aus dem Schnürboden zu einer grossen Schneeflocke. Auf der kurz darauf die Paare in immer neuen Konstellationen und Gemütsverfassungen herumturnen werden. Die Liebe lodert auf und schmilzt wie Schnee: Demetrius darf es irgendwann auch einmal aussprechen. Da ist die schöne Metapher allerdings längst ein ausgereiztes Bühnenbild.

Klitschnasse Liebeswirren

Für Erfrischung sorgt ausserdem ein Wassergraben in der Bühnenmitte – auf dass die Liebenden immer dann, wenn sie am heftigsten herumschreien, klitschnass dem faulen Zauber trotzen können. Nichts gegen starke Bilder, nichts gegen elementare Kräfte unter der zarten Haut der Menschen: Diese Ideen sind zweifellos schön und so poetisch wie Shakespeares witzig-tiefe Sprache. Doch laufen sie sich in mehr als drei Stunden Spielzeit auch irgendwann leer.

Puck, der coole Pol

Anders Puck, der ruhige, will sagen: coole Pol dieses «Sommernachtstraums». Michael Stange lässt sich nicht festlegen in seiner Rolle – es sei denn darauf, dass sie nichts Quecksilbriges an sich hat. Stanges Puck ist kein quirliger Störenfried, dem das gleich anzusehen wäre. Im Gegenteil. Er schleicht mit einem Metallkoffer herum wie ein Agent. Pumpt Gas in Luftballons. Lässt sich vom Ersten Elf (Adelheid Bräu) den Staubsauger in die Hand drücken und den Hausfrauenkittel überziehen. Klamauk? Durchaus; nicht immer entwickeln sich die kleinen szenischen Extras zwingend aus dem Text. Doch wenn, dann wirkt es wie Saft aus jener Blüte, die allen den Kopf verdreht: Dann muss man das Stück rasend lieben, gerade auch so, wie es gerade auf der Bühne abgeht. Etwa, wenn Oberon (Martin Brachvogel) sich selbst bemitleidet – und Puck ihm ein zweites Taschentuch verweigert. Auf manchen Firlefanz allerdings könnte man gut und gern verzichten.

Alexander Kubelka, der viel Erfahrung mit Opernregie hat, betont Shakespeares musikalische Seite. Damit das auch jeder merkt, zaubert der Musiker Viz Michael Kremietz in einer Bühnennische Naturmusik, gemixt mit Sounds, und schafft eine magische, das Elementare verstärkende Atmosphäre. Das tröstet hin und wieder darüber hinweg, dass nicht alle Schauspieler gleichermassen der Musikalität von Shakespeares Sprache gewachsen sind. Ob Schreien hilft?

Glück mit Fragezeichen

Nicht nötig haben es die Handwerker, allen voran Stephan Bieker als Zettel: noch ein ruhiger Pol (selbst mit Eselsohren). Auch nicht Laura Mitzkus, die Titania/Hippolyta als Frau mit Klasse spielt. Unter den jungen Athenern finden Sébastien Jacobi und Steffi Staltmeier doch noch zusammen, denn sie ergänzen sich bestens. Wenn man an ihrem künftigen Glück auch starke Zweifel hegen muss.