«Kein Regime existiert ewig»

«Citizen Khodorkovsky», der Dokumentarfilm über den russischen Milliardär und Politaktivisten, hat morgen im Kinok Premiere. Bei der Zürcher Premiere war Michail Khodorkovsky per Skype aus seinem Londoner Exil live zugeschaltet.

Geri Krebs
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Michail Khodorkowski: Im sehenswerten Dokumentarfilm von Eric Bergkraut wird das Bild einer schillernden Persönlichkeit gezeichnet. (Bild: pd/Bergkraut)

Michail Khodorkowski: Im sehenswerten Dokumentarfilm von Eric Bergkraut wird das Bild einer schillernden Persönlichkeit gezeichnet. (Bild: pd/Bergkraut)

«Heute ist es ja längst Mainstream geworden, gegen den russischen Präsidenten Putin und seine Politik zu sein.» So hatte Eric Bergkraut «Citizen Khodorkovsky» an der Weltpremiere an den Solothurner Filmtagen im Januar seinen Film eingeführt – um dann zu betonen: «Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn all die westlichen Politiker, die den Kremlherrscher noch bis vor wenigen Jahren umschwärmten, schon im vergangenen Jahrzehnt etwas genauer hingeschaut hätten. Die Welt sähe heute anders aus.»

Putins Russland

Von jemand anderem könnte man solche Worte als Gemeinplätze abtun, nicht so bei Eric Bergkraut. Zwei Kinodokumentarfilme hat der Regisseur in den letzten zehn Jahren über Putins Russland gemacht. Entstanden sind beide zu einer Zeit, als Putin im Westen gern gesehener Alliierter in George W. Bushs «War on Terror» war: «Coca – The Dove from Chechnia» und «Letter to Anna». Die Protagonistin von ersterem, die tschetschenische Menschenrechtsaktivistin Sainap Gaschaiewa, lebt heute im Exil in der Schweiz – die Journalistin Anna Politkovskaya, Hauptfigur von «Letter to Anna», lebte nicht mehr, als der Film entstand – sie war 2006 ermordet worden.

Schillernd, widersprüchlich

Durch seine Kontakte hatte Bergkraut es im Mai 2010 erstmals geschafft, mit dem damals seit sieben Jahren inhaftierten Ex-Oligarchen Michail Khodorkovsky brieflich Kontakt aufzunehmen. In der Folge konnte er gemeinsam mit Karinna Moskalenko, Khodorkovsky Anwältin, bis vor die Tore der Haftanstalt am Polarkreis reisen, und er hatte Kontakt zu Khodorkovskys Eltern. Die Szenen mit ihnen zusammen gehören mit zu den eindrücklichsten in «Citizen Khodorkovsky». Er sei, als er den Film begonnen habe, davon ausgegangen, er würde ausschliesslich von einem Mann handeln, der für Jahre im Gefängnis sitze – sagte Eric Bergkraut am Dienstag im ausverkauften Zürcher Kino «Le Paris», und betonte dann, dass Menschen im Gefängnis stets auch ideale Projektionsfläche böten. Aber genau solche Projektionen über eine leuchtende Führerfigur habe er nicht bedienen wollen. Das ist ihm hervorragend gelungen: Michail Khodorkovsky bleibt eine schillernde, widersprüchliche Figur, im Film wie in der realen Welt.

Erste Worte nach der Freiheit

Der Film zeigt ihn als ungebrochenen Optimisten. Und er wirkte in der Live-Schaltung im Anschluss an die Vorführung noch kämpferischer als im Film. Zehn Jahre und zwei Monate war er in Straflagern in Sibirien und Karelien inhaftiert gewesen, wegen angeblicher Steuerdelikte, bis ihn Putin am 20. Dezember 2013 überraschend begnadigte. In einem Szenario wie aus dem Kalten Krieg liess er ihn aus dem Land schaffen, nach Berlin. Man erlebt Khodorkovsky dann – nach knapp der Hälfte des Films – bei seiner ersten Pressekonferenz in Freiheit. Und als erstes erinnert der Freigelassene an jene Gefangenen, die seit den regierungsfeindlichen Grossdemonstrationen vom Frühjahr 2012 in Haft sitzen. Zehntausende waren damals aus Protest gegen die manipulierten Wahlen auf die Strasse gegangen; es waren die letzten regimefeindlichen Demonstrationen in Putins Russland gewesen, viele damals Inhaftierte wurden mittlerweile zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Überraschend deutlich

Kommenden September finden in Russland erneut Wahlen statt, und Moderator Res Strehle, Ex-Chefredaktor des «Tages Anzeigers», fragte Khodorkovsky nach seiner Einschätzung zu diesem Urnengang. Der wies zuerst darauf hin, dass die Möglichkeiten für Veränderungen in Russland innerhalb des gesetzlichen Rahmens längst nicht mehr gegeben seien – eine Einschätzung, die er ähnlich bereits im Film gegeben hatte. Mit überraschender Deutlichkeit fügt er dann hinzu: «Ein Regime zu überwinden ausserhalb der gesetzlichen Möglichkeiten, das nennt man Revolution. Und auch wenn dieses Regime mittlerweile alle Vorkehrungen getroffen hat, um sich ewig an der Macht zu halten, so gibt es dennoch die Gesetzmässigkeiten der Geschichte. Und die heissen: kein Regime ist ewig.» Um das zu unterstreichen gab er noch einen drauf: «Die Beliebtheit von Diktaturen ist nicht sehr stabil – das sah man beispielsweise bei Ceausescu».

Fr, 1.7., 19 Uhr, Kinok Lokremise, St. Gallen, in Anwesenheit des Regisseurs Eric Bergkraut