St.Galler Literaturhaus Wyborada startet im September: Zur Villa Wiesental gibt es keinen Plan B

Die Verhandlungen mit der Besitzerin der Liegenschaft stehen noch am Anfang. Die Gesuche um eine zukünftige Finanzierung sind verschickt.

Christina Genova
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Sandra Meier, Patricia Holder und Karin Karinna Bühler vom Vorstand des Vereins Wyborada verantworten das Literaturhaus. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sandra Meier, Patricia Holder und Karin Karinna Bühler vom Vorstand des Vereins Wyborada verantworten das Literaturhaus. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die 1986 gegründete Frauenbibliothek Wyborada wird zum Literaturhaus. Im März hat der Verein Wyborada an seiner Hauptversammlung dieses Vorhaben gutgeheissen. Seither hat sich einiges getan: Karin K. Bühler und Patricia Holder wurden als neue Leiterinnen von Literaturhaus und Bibliothek Wyborada bestimmt. Mitte September treten sie offiziell ihre neue Stelle an.

Für Ende September sind die ersten Veranstaltungen geplant, ein Fest zum Auftakt der erneuerten Institution findet am 16. November statt. «Wir wollen stark auf Literaturvermittlung setzen», sagt Patricia Holder. Und Karin K. Bühler ergänzt: «Wichtig ist uns ein facettenreicher Umgang mit dem Wortschaffen.»

Lesegruppen und Artist’s choice

Mindestens zwei neue Lesegruppen werden eingeführt: Die «English Reading Group» unter der Leitung der Lyrikerin Jan Heller Levi wird sich unter dem Thema «The Meeting Places of Poetry and Ecology» mit Autoren wie Wallace Stevens und Muriel Rukeyser beschäftigen. Liberata Ginolfi baut eine italienischsprachige Lesegruppe auf. Gelesen wird als erstes der autobiografisch gefärbte Roman «Animaterra» der Rapperswiler Autorin Gemma Capone. Im November ist sie für eine Lesung im Literaturhaus zu Gast.

Unter der Federführung von Karin K. Bühler steht das Format «Artist’s choice». Sie lädt ab Oktober Kunstschaffende ein, sich mit den Beständen der Wyborada zu beschäftigen. Das Resultat ihrer künstlerischen Auseinandersetzung präsentieren sie an einer öffentlichen Veranstaltung. Für Vorstandsmitglied Sandra Meier steht «Artist’s choice» exemplarisch für das Ziel, verschiedene Kultursparten miteinander in Verbindung zu bringen und zu genreübergreifenden Erkundungen einzuladen.

Szenische Lesungen, Schreibwerkstätten, Debatten, Begegnungen und der Austausch mit Autorinnen und Autoren, all dies soll Platz haben im neuen Literaturhaus. Auch eine Übersetzungswerkstatt, in welcher Autorinnen und Übersetzer dem Publikum ihre Arbeit näherbringen, ist in Planung. Je nach Veranstaltung finden die Anlässe in den bestehenden Räumen der Frauenbibliothek Wyborada im Lagerhaus, im Raum für Literatur in der Hauptpost oder andernorts statt.

Doch gibt es in St.Gallen und Region im Bereich der Literaturvermittlung nicht schon genügend Veranstaltungen? Die neue Bibliothek am Standort Union/Blumenbergplatz ist ebenfalls als offenes Haus geplant. Patricia Holder gibt zu bedenken, dass die neue Bibliothek frühestens in acht bis zehn Jahren eröffnet werde. «Wir sehen uns als Ergänzung und Weiterführung, nicht als Konkurrenz», betont Sandra Meier.

Zwei Stockwerke in der Villa Wiesental

Als kuratierte, bewegliche Kulturinstitution könne man ein anderes Programm anbieten und ein anderes Publikum erreichen, als eine Kantonsbibliothek, die einen breiten Bildungsauftrag zu erfüllen habe. Literatur von Autorinnen werde ein wichtiger Bestandteil bleiben.
Bevorzugter Standort für das neue Literaturhaus ist nach wie vor die Villa Wiesental. Sandra Meier:

«Viele Menschen haben sich um deren Erhalt bemüht. Es wäre deshalb schön, wenn wenigstens ein Teil des Gebäudes öffentlich zugänglich wäre. Zudem ist die Nachbarschaft zu Lokremise, Fachhochschule und den Lagerhäusern ideal.»

Man wolle nicht das ganze Haus nutzen, sondern nur das Erd- und das Untergeschoss.

Für die gesamte Villa wird ein Jahresmietzins von 180'000 Franken veranschlagt. Zu den Mietkosten für die zwei Stockwerke könne man noch nichts Konkretes sagen. Mit der Besitzerin, der Pensionskasse der Stadt St.Gallen, sei man erst am Anfang der Verhandlungen. Sie habe positiv auf das Projekt reagiert. Ende Jahr wird über die Nutzung des Gebäudes entschieden. Im Moment gebe es für den Fall einer Absage keinen Plan B.

Ob sich das Literaturhaus, so wie es von den Verantwortlichen angedacht ist, auch finanzieren lässt, wir sich weisen. Die Gesuche an staatliche und private Kulturförderer sind verschickt. Für Sandra Meier ist eines klar: Der Buchstadt und dem Kanton St.Gallen würde es gut anstehen, mit einem Literaturhaus in ihre literarische Zukunft zu investieren.