Kein grosses Fest, dafür neun Wochen lang offene Ateliers: Bei «Fünfstern» kann man 240 Ostschweizer Künstlern über die Schulter schauen

Unter dem Namen «Fünfstern» öffnen ab 28. August in der ganzen Ostschweiz Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers für die Öffentlichkeit. Im Coronajahr ist manches anders, doch das «Fünfstern» bleibt eine Wundertüte, in der Kunstinteressierte bestimmt fündig werden.

Roger Berhalter
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Wie entsteht Kunst? In Ateliers, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind– ausser im Rahmen von «Fünfstern».

Wie entsteht Kunst? In Ateliers, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind– ausser im Rahmen von «Fünfstern».

Bild: Pius Amrein

«Fünfstern» kann man in Zahlen beschreiben: 240 Künstlerinnen und Künstler öffnen dieses Jahr ihre Ateliers, in 90 Gemeinden in vier Kantonen, neun Wochen lang dauert es, und beim letzten Mal gab es 24000 Begegnungen: So oft kamen die Besucherinnen und Besucher in einem Atelier in Kontakt mit bildender Kunst.

Nach 15 Jahren ist Schluss

«Fünfstern» findet alle drei Jahre statt, 2020 nun zum fünften Mal – und zum letzten Mal. Die selbstständige Kulturmanagerin Brigitte Kemmann hat die Veranstaltung mitgegründet und in den vergangenen 15 Jahren organisiert. Nun hört sie auf, eine Nachfolge ist bis jetzt nicht in Sicht.

«Fünfstern»-Veranstalterin Brigitte Kemmann.

«Fünfstern»-Veranstalterin Brigitte Kemmann.

Bild: Roger Berhalter

Wichtig seien solche Tage der offenen Ateliers aber nach wie vor, sagt Kemmann im Gespräch. Sie habe in ihrer 20-jährigen Tätigkeit in der regionalen Kulturszene die Kontaktdaten von 1500 Ostschweizer Künstlerinnen und Künstlern angesammelt. Ihnen gegenüber stünden «so gut wie keine Galerien mehr und immer weniger Kunsträume». Deshalb brauche es Plattformen wie das «Fünfstern»:

«Es ist ein Gefäss für diese Kulturschaffenden, damit sie ihre Kunst zeigen können.»

Und für Kunstinteressierte ist es eine Möglichkeit, in Ateliers zu blicken und somit jene Orte zu sehen, wo Kunst entsteht.

Eine Wundertüte mit schwarzen Bällen

Charakteristisch für «Fünfstern» ist: Es gibt keine Jury, die eine Auswahl trifft; die Teilnahme steht allen offen. «Jeder, der sich als Künstler bezeichnet, kann mitmachen», sagt Brigitte Kemmann. So wird «Fünfstern» jedes Mal zur Wundertüte. Die Website www.fuenfstern.com bietet Orientierung. Dort kann man sich die 240 beteiligten Ateliers nach Ort oder Name sortiert anzeigen lassen.

Oder man wählt den spielerischen Weg und klickt sich durch die hüpfenden schwarzen Bälle auf der Website, bis man nach dem Zufallsprinzip bei einem konkreten Atelier landet. Nach Marbach zu Willi Kellers idyllischem Malatelier am Hang? Ins Ausserrhodische zu Bildhauer Heinz Zellweger in Trogen? An die St.Galler Langgasse zu Bobby Moors Ölbildern und Klavierliedern?

Das sind nur drei von 240 Möglichkeiten. Der Besucher hat die freie Wahl und kann sich selber eine Ateliertour zusammenstellen.

Den Ricken überwinden

Ein Fokus des diesjährigen «Fünfstern» liegt auf Rapperswil-Jona. Eigentlich hatte Brigitte Kemmann einen Bus mieten wollen, der «den Ricken überwunden» und die Besucher von Rapperswil über Wattwil nach Lichtensteig gefahren hätte. Doch wegen Corona musste sie umdisponieren und die Busidee wieder fallenlassen.

Auch das im Juni geplante grosse «Fünfstern»-Fest in der Lokremise, für das schon 500 Anmeldungen vorlagen, musste sie wieder absagen. Dafür gibt es nun am 5. September einen geführten Atelierspaziergang durch Rapperswil-Jona. Die übrigen Ateliers öffnen gestaffelt und individuell, über einen Zeitraum von neun Wochen verteilt, statt wie sonst nur an zwei Wochenenden.

Kemmann hat es jedem Künstler freigestellt, wann, wie oft und wie lange er sein Atelier öffnet. Auch sie selber werde an den kommenden neun Wochen unterwegs sein und Ateliers besuchen. «Mit Vorliebe die, die ich noch nicht kenne.»

Rapperswil-Jona im Fokus

Vom 28. August bis 1. November dauert «Fünfstern» in diesem Jahr. Jedes der 240 Ateliers hat andere Öffnungszeiten. Manche öffnen an einem Tag, manche an einem Wochenende, andere öfter. Die Website www.fuenfstern.com bietet einen Überblick über die Standorte und Öffnungszeiten.

Am 5. September findet in Rapperswil-Jona ein geführter Atelierspaziergang mit Kunstvermittlerin Hedi K. Ernst statt. Begrüssung mit Apéro ist ab 12.30 Uhr im Kunstzeughaus, danach führt Co-Leiterin Céline Gaillard durch die Ausstellung «Ex Libris. Literatur und Schrift in der Sammlung Bosshard». Um 13.30 beginnt der Spaziergang.