Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Kein Ende, kein Anfang, kein Vorne, kein Hinten

Andächtige Stille und höllischer Lärm, zwischen diesen dynamischen Extremzonen bewegt sich Andreas Maier im nunmehr fünften Teil seiner autobiographischen Spurensuche in der hessischen Provinz, die mit «Wäldchestag» (2000) furios begann.
Bettina Kugler
Andreas Maier: Der Kreis. Suhrkamp 2016, 149 S., Fr. 28.90

Andreas Maier: Der Kreis. Suhrkamp 2016, 149 S., Fr. 28.90

Andächtige Stille und höllischer Lärm, zwischen diesen dynamischen Extremzonen bewegt sich Andreas Maier im nunmehr fünften Teil seiner autobiographischen Spurensuche in der hessischen Provinz, die mit «Wäldchestag» (2000) furios begann.

«Der Kreis» ist dabei mehr als nur ein folgerichtiger Titel – nach Romanen, die «Das Zimmer» hiessen, «Das Haus», «Die Strasse», «Der Ort». Er ist zugleich Erzählprinzip des 1967 in Bad Nauheim geborenen Autors, der nur allzu gern mit der Maske provinzieller Naivität spielt, den tumben Tor gibt – und mit ironischen Spitzen beständig sich selbst entlarvt. Deshalb überrascht kaum, dass Maier seinen neuen Roman so enden lässt, wie er anfängt – wortwörtlich. «Der Kreis hat keinen Anfang und kein Ende, kein Vorne und kein Hinten, und wenn man ihn als Band zur Möbiusschleife bindet, auch kein Innen und Aussen.» Hat Maier das aus dem Lexikon abgeschrieben? Jedenfalls erzählt er in scheinbar zufälligen Kreisbewegungen und verblüfft den arglosen Leser zunehmend. Je weniger spektakulär eine Beobachtung zu sein scheint, desto raffinierter bohrt sie in die Tiefe. Tatsächlich spielt das «Lingen Lexikon» aus der Bibliothek der Mutter keine unwesentliche Rolle in «Der Kreis». Bei jeder sich bietenden Gelegenheit schleicht sich der Knabe in diesen kleinsten Raum des Hauses, einen Ort mit der Aura von Blaubarts Kammer. Staunend steht er vor dem leergeräumten Schreibtisch der Mutter wie vor einem Altar, erlebt «eine ähnliche Sakralität wie sonntags in der Kirche».

Dabei quält sich die Mutter mit einer wissenschaftlichen Arbeit über den Jesuiten und Naturwissenschafter Teilhard de Chardin (könnte es dieser «Theo Düschadeng» sein, von dem sie hin und wieder am Mittagstisch redet?). Sie schreibt Zitate ab, rebelliert mit -ismen und -logien gegen das dauergewellte Hausfrauendasein in den 1970er-Jahren, pilgert von Zeit zu Zeit zu einem Dichter namens Fritz Usinger, Büchnerpreisträger 1945.

Wie sie sich seelisch auf diese Séancen vorbereitet, wie sie sich vor «geistigen Korrespondenzen» panisch an die Wäschemangel flüchtet oder schlechtes Wetter heraufbeschwört, das dann tatsächlich eintritt: Das zeugt von Maiers grandios unbarmherziger Beobachtungsgabe. «So beeinflusste der Geist die Materie», fügt er hinzu. Ebenso amüsant liest sich seine eigene Initiation in die Welt der Bücher, eine stille Sphäre «im offenen Gelände zwischen Kindsein und Erwachsensein». Heftiger Kontrast dazu ist der infernalische Lärm, den er als Dreizehnjähriger auf einem Heavy-Metal-Konzert erlebt – auch dies eine Art Weiheveranstaltung, mit rockenden Gralsrittern, die ihrem Gefolge «etwas Immaterielles» spenden: die lauteste Rockmusik aller Zeiten. In deren Mitte hört er so etwas wie Stille.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.