Katzenmusik in der Tonhalle St.Gallen nach drei konzertfreien Monaten: Zum Auftakt der «Parkspiele» gab es hitzigen Brass – wegen kühler Temperaturen leider indoor

Die erste Serenade mit Musikern des Sinfonieorchesters St. Gallen musste gestern Abend drinnen in der Tonhalle stattfinden: Bei geschlossenen Türen, doch unter den empfohlenen Schutzmassnahmen. Das Publikum ist begeistert, klatscht aber noch verhalten und gedämpft.

Bettina Kugler
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Ein heisser Tango indoor statt Bibbern im Park: Brass mit Geigerin Iryna Gintova zum Auftakt der «Parkspiele»-Serenaden.

Ein heisser Tango indoor statt Bibbern im Park: Brass mit Geigerin Iryna Gintova zum Auftakt der «Parkspiele»-Serenaden.


Bild: Nik Roth

Da ist er wieder, der Mann aus der hintersten Orchesterreihe, der gern zum Mikrofon greift, um die da unten im Parkett mitzunehmen und direkt anzusprechen: Karl Schimke, Kommunikator und Tubist des Sinfonieorchesters St. Gallen. «Es waren harte drei Monate», betont er gleich zu Beginn des Konzerts. Aber er strahlt. Er platzt beinahe vor Freude. Ihm und seinen Brass-Kollegen auf der Tonhalle-Bühne tut es sichtlich gut, wieder vor Publikum zu spielen: einen musikalischen Rundflug von der Renaissance bis zur Gegenwart, von William Byrd und Giovanni Gabrieli bis zu Zeitgenossen wie Chris Hazell und seinen Streunern aus der «Three Cat Suite».

Wenn Schimke an diesem Abend freundlich wie immer mit den Worten begrüsst: «Ich freue mich, dass Sie gekommen sind», dann ist das keine abgedroschene Floskel. Es schwingt auch grosse Erleichterung mit. Wir sind zurück. Die Musiker, die Zuhörerinnen und Zuhörer. «Bleiben Sie zu Hause» war gestern. Und dennoch: Wer jetzt an ein Konzert und unter Leute geht, hat nicht nur Lust auf Livemusik. Sie oder er braucht zudem Mut und Entschlossenheit, der Pandemie zu trotzen und sich nicht abhalten zu lassen von gewöhnungsbedürftigen Massnahmen.

Social Distancing wie im Barock: Das Brass Ensemble des Sinfonieorchesters spielt eine doppelchörige Canzona von Giovanni Gabrieli, komponiert für das Spiel auf den gegenüberliegenden Seitenemporen des Markusdomes in Venedig.

Social Distancing wie im Barock: Das Brass Ensemble des Sinfonieorchesters spielt eine doppelchörige Canzona von Giovanni Gabrieli, komponiert für das Spiel auf den gegenüberliegenden Seitenemporen des Markusdomes in Venedig.


Bild: Nik Roth

Vereinzelt Schutzmasken im Publikum

Da gibt es für einmal Zählkarten – immerhin gratis. Gedacht sind sie für draussen, die Freilichtbühne im Stadtpark gleich neben dem Theater. Hier soll das Publikum sich bei den Vorstellungen der «Parkspiele» in den kommenden vier Wochen bis zum 10. Juli möglichst grosszügig verteilen, den Abstandsregeln des BAG folgend. Das Wetter aber war zum Auftakt am Donnerstag nach anhaltendem Regen zu kühl für draussen. So blieb die Bühne auf der grünen Wiese leer. «Das hätten die Instrumente nicht mitgemacht», sagt Konzertdirektor Florian Scheiber nach der Serenade bedauernd. Man ahnt den Gesichtsausdruck hinter der Schutzmaske.

Paarweise nebeneinander dürfen nicht alle in der Tonhalle sitzen - mit Schutzmaske alle, die dazu bereit sind.

Paarweise nebeneinander dürfen nicht alle in der Tonhalle sitzen - mit Schutzmaske alle, die dazu bereit sind.


Bild: Nik Roth

Schutzmasken tragen auch die Billetteure, sonst aber kaum jemand. Man sitzt auf Distanz, sowohl auf der Bühne als auch im Parkett und auf der Galerie. Entsprechend wirkt der Saal, als stünde experimentelle neue Musik auf dem Programm: relativ leer. Dabei haben die Bläser wirklich Leichtgängiges und Mitreissendes gewählt, und sie beim Spielen live zu erleben, ist eine helle Freude. Von der ersten Sekunde an macht sich bemerkbar, wie sehr Musik eine soziale Kunstform ist, vom Miteinander lebt. Ein Meister seines Instruments braucht mindestens einen Gespielen: die Zuhörerin, den Zuhörer.

Die Klatschmuskeln sind in den Coronawochen erschlafft

Noch besser, es tun sich Künstler zusammen, die einander mögen, etwas zu sagen haben und das mit allen Anwesenden teilen können. Das gelang zweifellos, auch wenn der Applaus bei aller Begeisterung noch etwas verhalten klang. Offenbar erschlaffen auch Klatschmuskeln mit der Zeit. Laut schreien? Lieber nicht, der Aerosole wegen. Verdient hätten sie es gehabt, die Herren Blechbläser, verstärkt durch Geigerin Iryna Gintova und die Percussionisten Manuel Becker und Maximilian Näscher.

Ob Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 in Brass-Swing, Coplands «Fanfare for the Common Man», auftrumpfend mit Pauken und Trompeten, ob Tango oder rockende Schmusekater: Ein derart vielseitiges, musikantisches Ensemble gehört gefeiert. Wenn sie derzeit auch nicht Bruckner spielen dürfen oder Mahler: Sie machen das Beste daraus.

Bis zum 10. Juli auf der Theaterbühne im Stadtpark. Konzerte bei schlechtem Wetter in der Tonhalle. Die Vorstellungen der Tanzkompanie («Pause + Play», ab 20.6.), des Musiktheaters («Cendrillon», ab 24.6.) und des Schauspiels («2 Meter Theater - ausgespu(c)kt», ab 1.7.) fallen bei Regen aus. Details zu den Konzerten unter theatersg.ch

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