Katja Kettus Buch «Wildauge»: Liebe und Krieg

Wie alt die Hebamme ist, die in diesen letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs in Lappland ihren Dienst tut, erfährt man lange nicht. Mal stellt man sich ein junges Mädchen vor, dann wieder eine alte Frau, und darauf hat es die Finnin Katja Kettu im Roman «Wildauge» angelegt.

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Wie alt die Hebamme ist, die in diesen letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs in Lappland ihren Dienst tut, erfährt man lange nicht. Mal stellt man sich ein junges Mädchen vor, dann wieder eine alte Frau, und darauf hat es die Finnin Katja Kettu im Roman «Wildauge» angelegt.

Finnin liebt deutschen Offizier

Die Hebamme ist stärker als andere; hat einen tieferen Einblick in die Geheimnisse der Natur. Die Leute aus den Dörfern nennen sie «Scheelauge». Überhaupt geht es rauh, ja, rabiat zu in dieser abgelegenen Gegend. Frauen «kalben», «winseln» und sind «trächtig»; Männer legen «ihre Ladung ab» in ihnen, und als eine Frau Auto fahren soll, sagt ein Mann, er werde «kein Loch ans Steuer lassen». Hier lässt man auch schon mal ein Neugeborenes zwischen den Sägespänen kalt werden, wenn den Verwandten seine Geburt nicht in den Kram passt.

Das Blatt für die namenlose Hebamme – 36 ist sie, weiss man inzwischen – wendet sich, als sie nach einer Geburt Johannes Angelhurst, einen deutschen SS-Offizier kennenlernt, der als Fotograf nach Lappland abgeordnet ist – noch sind Deutschland und Finnland verbündet. Dass er sie «Wildauge» nennt, signalisiert einen anderen, erkennenden Blick auf diese Frau, die immer Aussenseiterin war. All ihre Sehnsucht und Leidenschaft gehören von diesem Moment an nur noch dem deutschen Offizier, wegen dem sie sich ins Lager Titowka versetzen lässt, in das auch er beordert wurde.

Zum Platzen volle Sprache

«Wildauge» ist ein sprachmächtiges Stück Literatur, mit dem Kettu sich ihren gewaltigen Themen Krieg und Liebe auf fast verstörende Weise gewachsen zeigt. Ihre zum Platzen volle Sprache rückt einem auf den Leib – fast unmöglich, sich zu entziehen. Die komplexe Anlage des Buches hat neben den Stimmen von Wildauge und Angelhurst Briefe an eine Tochter geschaltet. Diese Briefe sind dokumentarisches Material, das mit Kettus Grossmutter zu tun hat.

Katja Kettu, Wildauge, Galiani 2014, 415 S., Fr. 29.90

Bernadette Conrad

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