Katerina schlägt alle

Oper Andreas Homoki inszeniert am Zürcher Opernhaus Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch mit einer grandiosen Titelheldin.

Tobias Gerosa
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Gun-Brit Barkim als Katerina: Grandioses Rollendébut zwischen Liebessehnsucht und Aufbegehren. (Bild: Monika Ritterhaus)

Gun-Brit Barkim als Katerina: Grandioses Rollendébut zwischen Liebessehnsucht und Aufbegehren. (Bild: Monika Ritterhaus)

So viel Sex war selten auf der Opernbühne: Vergewaltigung, heimliche Untreue, Kopulation als Zeichen des Triumphes und der Verzweiflung, schliesslich als bezahlter Sex als letzte Freiheit. Dmitri Schostakowitsch komponierte ihn 1934 in seine Oper «Lady Macbeth von Mzensk».

Stalins Zorn

Regisseur Andreas Homoki zeigt dies in seiner neuen Inszenierung am Opernhaus Zürich als zentrales Motiv drastisch, aber folgerichtig. Er hat dazu auf jene Urfassung zurückgegriffen, die 1938 zu einem von Diktator Stalin initiierten und für Schostakowitsch lebensbedrohlichen Angriff in der «Prawda» führte. In ihrer grellen Kraft und Ausdruckstärke ist «Lady Macbeth von Mzensk» ein Paradebeispiel für den Aufbruch in die Moderne, wie er Anfang der Dreissigerjahre in der jungen Sowjetunion gerade noch möglich war.

Die dreifache Mörderin

Da wird eine dreifache Mörderin zur Sypathieträgerin: Katerina ermordet erst den tyrannischen Schwiegervater, der in Zürich sogar ihr Vergewaltiger ist. Veteran Kurt Rydl bellt und knarzt angemessen. Nächstes Opfer wird der Schwächling-Ehemann (Benjamin Berheim, von dem man gerne mehr hören würde) und schliesslich die neue Flamme ihres Sergej, mit und für den sie die ersten beiden Morde verübt hatte. Die Oper entschuldigt die Taten nicht, zeigt aber, aus welchem unterdrückerischen und heuchlerischen Kontext sie entstanden.

Schostakowitsch zeichnet die reiche Kaufmannsschicht so überzeichnet wie die korrupte Polizei: Motorisch drängende Rhythmen illustrieren Gewaltausbrüche, Sexszenen sind orgiastisch auskomponiert. Andreas Homoki, der seine zweite Inszenierung am Opernhaus herausbringt, setzt hier an. Seine «Lady Macbeth» übernimmt in Hartmut Meyers abstraktem Einheitsbühnenbild und Mechthild Seipels karikierenden Sowjetkostümen Katerinas verzweifelte Sicht auf eine groteske Welt. Macht und tiefe Sehnsucht liegen nah beisammen und brechen sich im Sexuellen Bahn.

In der Sackgasse

Musikalisch geht die Oper bis an die Schmerzgrenze, wenn die Bühnenmusik aus vierzehn Blechbläsern in Clownkostümen ohrenbetäubend loslegt. Teodor Currentzis, einer der aufstrebenden Dirigenten der jüngeren Generation, geht hier mit der Bühne zusammen wie in den ebenso grandios zurückgenommenen Stellen (in welchen öfters die Souffleuse das Lauteste war).

So wie Currentzis die dynamischen, rhythmischen und farblichen Valeurs der Partitur auslotet, führt die Regie ihre Personen genau auf die Musik – gerade auch in den Zwischenspielen. Das stösst bei den Massenszenen aber an Grenzen und landet leider in einer konventionellen Sackgasse, wenn die Geschichte im vierten Akt ganz ins Tragische dreht.

Verblasst neben Katerina

Aber es gelingt hervorragend bei den Hauptfiguren. Sergej, der Katerina so schnell stehen lassen will, wie er sie ins Bett kriegte, bietet als Rolle relativ wenig Entwicklungsmöglichkeiten, Brandon Jovanovich erfüllt sie glänzend. Aber neben Gun-Brit Barkmin als Katerina verblasst er. Ihre Intonation verrutscht auch einmal, aber wie natürlich ihr Singen klingt, wie sie fokussiert die lauten und mit welcher Ruhe sie die leisen Passagen gestaltet, verbindet sich mit schauspielerischer Intensität zu einem grandiosen Rollendébut zwischen Liebessehnsucht und Aufbegehren.

www.opernhaus.ch, Vorstellungen bis Ende Juni

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