Kastanienbrauner Bach

Neun Stücke aus den sechs Suiten für Violoncello solo von Bach tanzt Bettina Castaño, die vom Flamenco ausgehend inzwischen in vielen musikalischen Welten zu Hause ist. Der Cellist Fernando Gomes tritt mit der Tänzerin in Dialog.

Martin Preisser
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Wieder einmal zurück aus Sevilla in der Heimat: Die Flamenco-Tänzerin Bettina Castaño ist morgen im Kaffeehaus an der Linsebühlstrasse zu sehen. (Bild: Urs Jaudas)

Wieder einmal zurück aus Sevilla in der Heimat: Die Flamenco-Tänzerin Bettina Castaño ist morgen im Kaffeehaus an der Linsebühlstrasse zu sehen. (Bild: Urs Jaudas)

Die gebürtige Teufnerin lebt seit 25 Jahren in Sevilla, Flamenco ist die Sprache der Tänzerin. «Flamenco ist fest, hat seine klaren Regeln, die ich respektiere», sagt Bettina Castaño, die heute auf vielen Bühnen der Welt erfolgreich tanzt. Flamenco ist ihr Abc, aber mit diesem Alphabet hat sie sich die Sprachen vieler anderer Musikstile erschlossen: Flamenco, das Gesetz, und daneben die Freiheit, sich in ganz verschiedenen Welt-Musiken zu bewegen.

Und dabei verwandelt sie sich in eine Zigeunerin, geht indischer Musik nach, zeigt klassische spanische Musik mit Orchester oder tanzt im Moment sehr erfolgreich mit den Alder-Buebe Appenzeller Musik. «Mein Heimweh-Programm», wie sie sagt.

Ihren Künstlernamen «Castaño» hat Bettina einst von ihrem Flamencolehrer erhalten. Er bedeutet Kastanienbaum oder kastanienbraun. «Der Name hat etwas Erdiges wie auch Elegantes», sagt die Tänzerin und gibt offen zu, dass er ihr werbetechnisch sehr nützlich ist. «Mit meinem Schweizer Nachnamen hätte ich viel mehr Mühe, die richtigen Engagements zu bekommen.»

Einen Traum erfüllt

In letzter Zeit hat sich Bettina Castaño mit einer weiteren «Welt-Musik» beschäftigt, mit Bach und seinen Suiten für Cello solo. Initialzündung dafür war die Begegnung mit dem renommierten Schweizer Cellisten Thomas Demenga, mit dem sie am Lucerne Festival das Projekt Cello Factory realisiert hat. Bettina Castaño, die selbst Cello spielt, erfüllt sich mit dem Projekt «Bach al Compás» einen musikalischen Traum. «Ich arbeite sehr musikalisch, ich möchte durch meinen Tanz die Musik in all ihrer Tiefe verstehen. Musik muss gefühlt werden, um sie in Tanz umzusetzen.»

Im Flugzeug nach Südindien, wo sie kulturell ebenfalls aktiv ist, hat sie immer wieder Bachs Suiten gehört und eine Auswahl getroffen. «Ich arbeite nur mit Live-Musik. Ich brauche die intuitive Atmosphäre, die Möglichkeit, aus dem Moment heraus zu reagieren. Das kann ich nur im direkten Austausch mit der Musik.»

Für das morgige Bach-Projekt spannt sie mit Fernando Gomes zusammen. Der Portugiese, mit dem Castaño Spanisch redet, ist Erster Cellist im Sinfonieorchester St. Gallen. «Ich habe viel von Musikern gelernt», sagt die Flamencotänzerin. «Jedes Programm ist für mich eine Bereicherung meines tänzerischen Repertoires.»

Musik nicht missbrauchen

Fächer, Stock, Schleppe, Fransentuch, Schleier, Kastagnetten sind Requisiten beim Flamenco, die sie auch für die Darstellung klassischer Musik einsetzt. Bettina Castaño sagt es so: «Flamenco gibt mir technisch natürlich die Grundbausteine, aber für jede Art von Musik entwickle ich daraus eine eigene Tanzsprache.» Und sie gehört zu den Tanzschaffenden, die die Musik nicht missbrauchen wollen, indem sie sie übertanzen oder einfach als Klangkulisse im Hintergrund lassen. «Ich möchte die Schönheiten einer Bach-Suite mit meinem Tanz wirklich sichtbar machen. Das Publikum soll die Musik <sehen> und sie dadurch noch tiefer verstehen können.» Sie weiss aber auch, dass der Tanz wiederum die Musik und deren Interpretation beeinflussen kann.

Anspruchsvoll ist das Setting für den morgigen Auftritt im Kaffeehaus. Die Tänzerin hat nur einen Korridor durchs Publikum für ihre Sicht von Bach. «So hautnah auf kleinem Raum beim Publikum, das ist inspirierend, aber auch herausfordernd und schwieriger als auf einer grossen Bühne», sagt Bettina Castaño zu ihrer intimen Stippvisite in St. Gallen.

Morgen Fr, Kaffeehaus (Linsebühlstr. 77), 20 Uhr www.castano-flamenco.com

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