Karen Duves Selbstversuch gegen die Lust auf Fleisch

An dem Tag, an dem Karen Duve beschloss, ein besserer Mensch zu werden, legte sie im Supermarkt die «Hähnchen-Grillpfanne» um 2,99 Euro wieder zurück ins Tiefkühlfach. Nicht ganz freiwillig.

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«Krieg gegen das Tier»: Karen Duve. (Bild: Thomas Müller)

«Krieg gegen das Tier»: Karen Duve. (Bild: Thomas Müller)

An dem Tag, an dem Karen Duve beschloss, ein besserer Mensch zu werden, legte sie im Supermarkt die «Hähnchen-Grillpfanne» um 2,99 Euro wieder zurück ins Tiefkühlfach. Nicht ganz freiwillig. Ihre neue Mitbewohnerin, der sie in ihrem Haus in Brandenburg ein Zimmer vermietet hatte, sass ihr dabei im Nacken, hielt eine Brandrede über Qualfleisch und Massentierhaltung, teilamputierte Hühnerschnäbel und gebrochene Beine, verkrüppelte Krallen und klaustrophobisch gedrängte Zustände.

Karen Duve war der Spass an ihrem Lieblings-Fastfood verdorben. Sie taufte die neue Mitbewohnerin, eine fast 100-Prozent-Vegetarierin und überzeugte Bio-Konsumentin, auf den Spitznamen Jiminy Grille - nach der Zeichentrickfigur in der Disney-Verfilmung von «Pinocchio», welche der anfangs in moralischen Fragen noch unsicheren Holzpuppe als tadelnder Begleiter in Gewissensfragen zur Seite steht.

Jiminy Grille hörte nicht auf, Karen Duve wegen ihrer Ernährungsgewohnheiten zu drangsalieren - und Duve zeigte Wirkung.

Ein Entwicklungsroman

Das war im Dezember 2009. Seither hat sich die deutsche Bestsellerautorin («Taxi», 2008) einem aufwendigen Selbstversuch und intensiven Recherchen in Sachen Massentierhaltung unterzogen und darüber einen Erfahrungsbericht mit dem Titel «Anständig essen» geschrieben.

Wieso? Weil Duve bei einigem Nachdenken immer fassungsloser «vor der grossen Diskrepanz zwischen dem, was ich wusste, und dem, wie ich bisher eingekauft hatte», stand. Und beschloss, je zwei Monate lang als Bio-Lebensmittel-Konsumentin, als Vegetarierin, als Veganerin und als Frutarierin zu leben.

Heute sagt Duve, 49: «Ich wollte ein Sachbuch schreiben, aber es ist ein Entwicklungsroman geworden. Meine ganze Sicht aufs Leben hat sich geändert.

» Als Ergebnis ihres Experiments hat sie sich inzwischen auf «halber Strecke zwischen Vegetarierin und Veganerin» eingependelt und fühlt sich «zutiefst beschämt», so lange als Konsumentin Teil des «perversen» Umgangs mit Tieren gewesen zu sein. Eine ähnliche Entwicklung also wie jene des US-Autors Jonathan Safran Foer, der 2010 mit «Tiere essen» einen internationalen Bestseller schrieb.

Und ähnlich ist auch die Lesewirkung: Die Lektüre könnte Ihren bisherigen Fleischkonsum massiv verändern!

Verheerende Klimabilanz

Denn Duves und Foers Beispiele aus der Massentierhaltung sind alles andere als appetitlich. Ferkel werden ohne Betäubung kastriert. Für jedes weibliche Legehennenküken, das später Eier legen wird, wird ein männliches als nutzlos getötet. Sehr häufig wandern die Männchen einfach in den Häcksler.

Oder: Würde man zu einer Portion Sushi die 145 Meerestierarten dazulegen, die beim Fang der Sushi-Fische als Beifang getötet wurden, müsste der Sushi-Teller einen Durchmesser von 1,5 Metern haben. Und selbst mit «bio» ist man nicht automatisch auf der sicheren Seite: Es steht zwar im allgemeinen für gesünder, besser und für einen kleineren ökologischen Fussabdruck, aber nicht unbedingt für einen humaneren Umgang mit Tieren.

Die Klimabilanz der Massentierhaltung ist verheerend, von Regenwaldabholzung für Weideflächen und Futteranbau bis zu Schadstoffemissionen. Je nach Schätzung gehen zwischen 18 und 41 Prozent der Treibgasproduktion auf das Konto der Massentierhaltung. Tendenz steigend: Denn bis 2050 wird sich die Fleischproduktion aller Voraussicht nach verdoppelt haben, vor allem auch in Schwellenländern wie Indien oder China, wo bisher nicht so viel Fleisch wie in den USA (Texas 123 kg jährlich pro Person) oder Europa (Schweiz 72,3 kg jährlich) gegessen wurde.

Keine Kampfschrift

Was für Duve wie für Foer aber im Vordergrund steht, ist: «Wir führen Krieg gegen alle Tiere, die wir essen.» Dennoch ist das Resultat keine fanatische Kampfschrift. Beide Autoren erzählen von ihren Schwierigkeiten, auf Fleisch zu verzichten, sie fordern keine vollständige Abstinenz und arbeiten nicht mit Vorwürfen.

Duve, ganz cool: «Es scheint sich allmählich die Erkenntnis durchzusetzen, dass der zunehmende Verzicht auf Fleisch keine wirre Idee alternativer Spinner ist, sondern eine zwingende Notwendigkeit, wenn wir es noch ein paar Generationen machen wollen.»

Julia Kospach

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