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Kapitän über Bord

Gestern hatte in der Alten Stuhlfabrik Herisau die Uraufführung des Stücks der jungen Appenzeller Dramatikerin Rebecca C. Schnyder Premiere. «Schiffbruch» handelt von der beklemmenden Beziehung zwischen drei Geschwistern.
Brigitte Schmid-Gugler
Lustig oder gefährlich? Bruder Enzo steigt aufs Dach des Elternhauses. Für die Schwestern ein weiterer Grund für eine Meinungsverschiedenheit. (Bild: Urs Jaudas)

Lustig oder gefährlich? Bruder Enzo steigt aufs Dach des Elternhauses. Für die Schwestern ein weiterer Grund für eine Meinungsverschiedenheit. (Bild: Urs Jaudas)

Kartoffeln! Pellkartoffeln hat Milva für alle gekocht. Alle – das sind der Vater, die Schwester Luise, Bruder Enzo und sie, die den todkranken Vater (Bruno Kocher) im Elternhaus pflegt. Alle – das ist auch noch die abwesende, bereits tote Mutter, die wie ein Pseudonym für alles Gut- und Schlechtgewesene die Szene beherrscht. Die Szene – das ist ein gläserner Kubus, ausgestattet mit einem Holztisch und ein paar Stühlen, berieselt von Glenn Millers «Stairway to heaven», dem Lieblingsstück von Papa. Der Kubus ist bedrückend eng und so niedrig, dass wer nicht an seinem Platz am Tisch sitzt, den Kopf einziehen muss. Angelica Paz Soldan hat mit dieser Lösung genau die Atmosphäre geschaffen, die der Ort – von Rebecca C. Schnyder kurz und bündig als «Das Elternhaus und der Garten davor» bezeichnet – ausstrahlen soll, nämlich Spiessigkeit.

Noch mehr Symbolkraft aber haben die Kartoffeln. Die Mahlzeit steht bereit, als die Älteste, Luise, mit ihrem debilen Bruder vorbeischaut. Man stochert in ihnen, kaut, lobt, würgt oder lässt sie stehen, als wären sie die Vorhut dessen, was kommen soll.

Nichts geht mehr

Und das lässt denn auch nicht mehr lange auf sich warten. Die drei Geschwister (Schnyder gibt im Text ihr Alter vor – sie sind alle zwischen 25 und 30) sind im zweiten Bild bereits allein. Sie stehen im Garten, der lediglich markiert ist mit einem Stück künstlicher Blumenwiese. Der Vater – auch das eine starke Metapher und ein raffinierter Regieeinfall – sitzt zwar immer noch am Tisch, aber auch er ist inzwischen tot. Zwischen den Schwestern lodern die Ressentiments auf. Wechselseitig werfen sie sich Benachteiligung und Bevorzugung durch die Eltern vor. Jeder Satz, jedes Wort kann der Zündstoff sein für eine Provokation, eine Zurechtweisung, eine Verletzung, aber auch eine versuchte Annäherung. Luise will das Haus verkaufen, Milva will es behalten. Bruder Enzo bildet in dem Wortgefecht das Scharnier. Ölt mit seinem Charme, sperrt und erschreckt mit Wutausbrüchen, umgarnt mit seinem umwerfenden Humor.

Frank Wenzel spielt diese Figur, die Gefahr laufen könnte, ins Unglaubwürdige zu kippen, mit eindrücklicher Plastizität. Er versucht nicht, einen jungen Mann mit einer geistigen Behinderung «nachzuspielen», sondern er hat diese unverblümte Ahnungslosigkeit und kindliche Direktheit richtiggehend verinnerlicht. Er ist der stolze Kapitän, dem Luises Freund einen Anker auf den Arm tätowiert hat. Auch Vera Bommer als Luise zeichnet den schlaksigen Gestus einer Renitenten unaufgeregt. Jeanne Devos als Milva mit den gefährlich roten Pumps (Kostüme: Jacqueline Kobler) spielt brillant dieses Kartoffelmehlig-Trockene im Hals, das Menschen auszeichnet, die mit sich zu kämpfen haben.

Kein Dahindümpeln

Die bereits mehrfach mit Preisen geehrte 27jährige, aus Wald AR stammende Rebecca C. Schnyder hebelt in «Schiffbruch» sämtliche Textwülste aus und jagt ihre knappen Dialoge, die oft auf einzelne Wörter beschränkt sind, rhythmisch vorwärts. Als hielte sie Eiswürfel unter den Wasserstrahl und zöge sie im letzten Moment weg, in der Hand schneidende Restchen – oft schwarzhumorig erfrischend.

Regisseur Stefan Camenzind übersetzt die Stimmung der Vorlage als präzises Abbild von etwas, was man zwar von aussen betrachtet, aber irgendwie gut zu kennen meint – auch wenn Rebecca C. Schnyder eine Generation – ihre – zeigt, die sich alte Muster erschreckend früh einverleibt. Indem er gänzlich auf ablenkende Aktionen verzichtet, lässt er den Figuren ihre dahingeworfene Jugendlichkeit. Er weiss: Diese Sprache beisst, wie der Rauch, der am Ende aus dem Haus quillt. Und es sind nicht die verkochten Kartoffeln, die dampfen…

Sa, 19.4., 19.30 Uhr; So, 20.4., 14 Uhr; Mi, 23.4., 19.30 Uhr; Bar offen ab 18.30 Uhr; Reservationen: 077 498 66 68 oder freirampe@gmx.ch; Alte Stuhlfabrik Herisau; 1. Mai: Kellerbühne, 20 Uhr

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