Rap-Superstar
Kanye West predigt wieder zur Gemeinde

Der US-Superstar des Rap hat ein neues Album veröffentlicht. So richtig fertig wirkt es aber gar nicht.

Michael Graber
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Ohne seine Goldkette ist dieser Mann nicht denkbar: Kanye West.

Ohne seine Goldkette ist dieser Mann nicht denkbar: Kanye West.

Rich Fury/Vf20 / Getty Images North America

Bei «Donda» von einer Zangengeburt zu sprechen, ist leicht untertrieben. Mindestens. Immer wieder wurde das Album von Kanye West verschoben, und kaum ist es da, will es der Rap-Superstar schon wieder ungeschehen machen. «Universal hat mein Album ohne meine Zustimmung veröffentlicht!», schreibt er in grossen Lettern auf Instagram.

Aber ehrlich, eine stinknormale Geburt hätte bei Kanye West auch schwer verwundert. Es hätte nicht zu diesem rastlosen Charakter gepasst, der stets irgendwo zwischen Grössenwahn und grösstmöglicher Verlorenheit pendelt. Im vergangenen Jahr hat er sich selber mal als Präsidentschaftskandidaten ins Spiel gebracht, sich dann wieder aus dem Rennen genommen und diese Entscheidung dann auch noch bedauert. Später wurde aus dem Mann von Kim Kardashian der Ex-Mann von Kim Kardashian. Beziehungsweise das Paar reichte mal die Scheidung ein. Vollzogen ist noch nix, und es soll, so rumort es in der Regenbogenpresse, vielleicht doch noch eine Versöhnung geben.

Das neue Album ist viel zu lang geraten

Und so wie das Leben von Kanye West wie ein Jo-Jo zwischen Aufs und Abs irrlichtert, ist auch «Donda» geworden. Es ist, um gleich mit der Kritik zu starten, viel zu lang geraten. 27 Songs und 108 Minuten sind es. Hätte das Label mehr Mitsprache gehabt, so wäre wohl nicht mal die Hälfte veröffentlicht worden. Es wirkt beinahe auch unfertig – was angesichts der langen Entstehungsgeschichte fast schon ein bisschen bizarr ist.

Vielleicht hat es aber auch einfach den Zweck, dass die Diamanten, die es auf dem Album trotz allem zahlreich hat, inmitten des Füllmaterials noch etwas heller funkeln. Wobei es unfair ist, von Füllmaterial zu sprechen. Es hat selbst in den verquersten Tracks immer mindestens eine richtig gute Idee drin. Sie vermag teilweise einfach nicht über eine Länge von drei Minuten zu tragen.

Aber will West das überhaupt? Massentauglichkeit scheint ihm komplett egal zu sein. Es rauscht, es knarzt, es holpert. Kaum ein Lied kommt nahtlos in einen Fluss. Pop ist das nicht. Und in den Radiostationen werden sie sich die Zähne ausbeissen, welchen Track sie zwischen «Wellerman» und «Ewigi Liebi» spielen können, ohne dass den seichtgedudelten Bürogemeinschaften wegen der brummeligen Bässe und übersteuernden Gitarren die Gipfeli in den Kaffee fallen.

Er versteckt sich schon mal im Rampenlicht

Eher nicht ist es «Jesus Lord», ein verbremster Neunminüter, der mit einem hadernden und schmerzerfüllten West beginnt. «Man, it’s hard to be an angel when you surrounded by demons», rappt er. Und er schliesst mit einem kämpferischen West, der sein und unser aller Seelenheil im Glauben findet. «The God is interstellar while you fellas remain local.»

Wie schon auf dem letzten Album geht es West oft um den Glauben. Und mit Gott meint er dieses Mal herzlich selten sich selber. Viele seiner Tracks klingen nach Gebeten, die er nach oben schickt. Er ist ein Prediger und die ganze Welt seine Gemeinde.

Im Vorfeld der Veröffentlichung hat West gigantische Vorablistening-Events abgehalten, bei denen er irgendwie anwesend war und irgendwie doch nicht. Trug eine Strumpfmaske, schien sich im Rampenlicht verstecken zu wollen. Es wirkte wie Messen eines Menschen, der gehuldigt werden will, aber nicht damit umgehen kann, dass er gehuldigt wird.

Genau so klingt auch «Donda». Es schwankt zwischen offensichtlicher Verweigerungshaltung und der Suche nach Umarmungen. West hat sich eine ganze Menge Gäste geholt, und die stehlen ihm zuweilen ein bisschen die Show. Weil es aber seine Party bleibt, dürfte das West herzlich egal sein.

Das neue Album von einem der ganz grossen Musikstars dieser Zeit ist vielleicht nicht der ganz grosse Wurf wie das stilbildende «My Beautiful Dark Twisted Fantasy», aber es ist durchaus gelungen. Und vor allem: Es ist doch noch erschienen. Allein das ist ein Grund zur Freude.

Kanye West: Donda (Universal Music)

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