Kantige Hymnen des Wahnsinns

Es ist wohl die am heissesten erwartete Indie-Platte des Jahres. Das kanadische Musikerkollektiv Arcade Fire bittet auf seinem vierten Album «Reflektor» zum Tanz. Wo einst Streicher waren, sind jetzt Synthesizer.

Oliver Seifert
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Arcade Fire melden sich mit «Reflektor», ihrem viertem Studioalbum, zurück. (Bild: Universal)

Arcade Fire melden sich mit «Reflektor», ihrem viertem Studioalbum, zurück. (Bild: Universal)

Sie spiegeln sich im Wasser, strolchen durch die Nacht oder geben ein Konzert. Regelmässig kommen Discokugeln ins Bild, alles dreht sich um sie. Der Beat, der zu hören ist, strebt auf die Tanzfläche. Synthetische Klänge begleiten die komischen Gestalten bei ihren skurrilen Aktionen.

Die neuen Arcade Fire in Szene gesetzt hat im schwarz-weissen Video zum Titelstück des neuen Albums «Reflektor» der Fotograf und Regisseur Anton Corbijn, berühmt durch seine Arbeiten für Depeche Mode, U2 oder Joy Division. Siebeneinhalb Minuten fordert die Vorab-Single «Reflektor» Aufmerksamkeit, mit Bässen, Congas, Synthies und Sounds, dramaturgisch ausgefeilt zwischen Hysterie und Hybris, Disco und Dance, und schliesslich taucht noch David Bowie auf und singt mit. Bowie ist Fan – wie Chris Martin von Coldplay, Bono von U2 oder David Byrne von den gewesenen Talking Heads.

Von der Phantasie treiben lassen

Können diese Herren irren? Sie können, aber nicht bei Arcade Fire. Das kanadische Kollektiv lebt seinen Hang zu Bombast und Ekstase, Wahnsinn und Wichtigkeit, Überwältigung und Überforderung auch auf dem vierten Werk extrem gekonnt aus, nur besucht es dieses Mal dafür nicht die Kirche oder die Vororte wie bei den letzten Alben «Neon Bible» (2007) und «The Suburbs» (2010), sondern den Club. Arcade Fire tun das dezenter als sonst und direkter für ihre Verhältnisse, aber meilenweit entfernt von 3-Minuten-Allerweltsformat-Songs. Sie lassen sich von Phantasie und Einfällen treiben, durch Stile und Themen, haben sich allerdings aktuell mit James Murphy vom aufgelösten LCD Soundsystem einen Produzenten geholt, der den Durchblick behält im Durcheinander, der sortiert, akzentuiert und komprimiert, schubst oder bremst, auf Spannung und Form achtet.

Neu bleibt alt, aber doch anders

Das ist ja so bemerkenswert an dieser raffinierten Truppe, die zwar alle drei Jahre etwas von sich hören lässt, aber darin, was sie von sich hören lässt, unausrechenbar bleibt. Die neuen Arcade Fire sind natürlich die alten Arcade Fire, nur eben wieder anders: Wo noch Folk war, ist jetzt Disco, wo Streicher waren, sind jetzt Synthesizer.

Die 2002 in Montreal um das Liebespaar Win Butler und Régine Chassagne gegründete Multiinstrumentalistengruppe lässt sich von James Murphy den Weg zur Tanzmusik weisen, nimmt sich aber dort diese oder jene Freiheit.

So wird der Song «Flashbulb Eyes» von einem leichten Dub-Beat getragen, «Here Comes The Night Time» beginnt sehr hektisch, entspannt sich, um nach etwa vier Minuten laut und gewaltig zu eskalieren. «You Already Know» schunkelt zwischen New Wave und Indie-Pop, The Cure und The Smiths hin und her und applaudiert sich dafür am Ende.

Griechische Mythologie

«Reflektor» ist mit seinen 13 Songs auf 76 Minuten als Doppelalbum konzipiert, der erste Teil offensiver und beschleunigter im Streben nach Bewegung, der zweite Teil defensiver und entschleunigter. Es wechseln fix Tempo und Rhythmus, Melodien und Harmonien, grummeln elektronische Bassläufe und jubilieren Chöre, schichten sich Analoges und Digitales.

Es rauscht und knackt, pluckert und knarzt, quietscht und fiept. Wie gehabt: Es nervt und beglückt, wenn Arcade Fire ihre komplexen, kantigen Hymnen anstimmen, deren Horizont von Synth Wave, Electroclash, Punk, Rock bis Psychedelic reicht – und weit darüber hinaus.

Inspiriert zu «Reflektor» haben nach eigenem Bekunden karibische Karnevalsmusik und griechische Mythologie, konkret Orpheus und Eurydike, der dichtende Sänger und die Nymphe, beide zeigt auch das Albumcover in Form einer Plastik des französischen Künstlers Auguste Rodin.

Identität, Leben und Tod

Ganz besonders im zweiten Teil greifen Win Butler und Régine Chassagne das Thema auf, dann wird das im Leben vereinte Ehepaar zum durch den Tod geschiedenen Liebespaar. Grosse Themen und existenzielle Fragen um Identität, Leben und Tod, Diesseits und Jenseits sind es, die Arcade Fire wieder einmal verhandeln, darin bleiben sie sich treu, doch erstmals bringen sie die komplizierten Verhältnisse zum Tanzen. Vielleicht ist so die sonderbare Welt, wie sie uns dieses wunderbar wunderliche Musikerkollektiv aufs neue nahebringt, besser zu ertragen.

Arcade Fire: «Reflektor», (Vertigo/Universal)