KANTATENKONZERT: Kunst als Tor zum Weihnachtsmysterium

Der Basler Künstler Ludwig Stocker hat für die Bach-Kantate «Gelobet seist du, Jesu Christ» eine bildnerische Reflexion geschaffen. Sie ist während der Weihnachtszeit öffentlich zugänglich in der evangelischen Kirche St. Mangen.

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Am Ende eines reichen und intensiven Kantatenjahres 2016 darf die treue Gemeinde der J.-S.-Bach-Stiftung St. Gallen, für einmal in der Kirche St. Mangen versammelt, selbst einstimmen in den musikalischen Gottesdienst. Nach dem zweiten Durchgang der weihnachtlichen Kantate «Gelobet seist Du, Jesus Christ» (ausgehend von einem Lied Martin Luthers) gab Rudolf Lutz ein weiteres Mal den Einsatz zur abschliessenden Choralstrophe – ans Publikum gewandt.

Ungewöhnlich war an dieser bislang 105. Kantatenaufführung durch Chor und Orchester der J.-S.-Bach-Stiftung nicht nur der Ort, sondern auch das Medium der Reflexion: Der 1932 in Herisau geborene, in Basel lebende Bildhauer Ludwig Stocker leitete an zur Betrachtung eines Bildes und einer Skulptur, die sich mit Mariä Verkündigung und mit der Menschwerdung Gottes auseinandersetzen – und damit auch mit dem Inhalt der Kantate BWV 91.

Gott und Engel in Menschengestalt

Diese Reflexion ist Teil der Kantate selbst: Lässt Bach doch auf den festlich strahlenden Eingangschor mit Hörnern, Oboen und Pauken – der den schlank und transparent agierenden Chor einmal mehr von seiner besten Seite präsentiert – ein Rezitativ folgen, in dem der Chorsopran weitere Choralzeilen in schönster Seelenruhe aufleuchten lässt. Beweglich führt Solistin Ulrike Hofbauer den Blick – zur Krippe, aber auch zur Rückwand des Kirchenraumes: zur weissen Stele mit der Inkarnationsskulptur und zu dem horizontalen Leuchtstreifen, der wie ein Pfeil auf den Engel und Maria zeigt. Ludwig Stocker zitiert im Bild den italienischen Renaissancemaler Piero della Francesco. Er verzichtet aber auf Farbe und auf Aureolen, rückt die Köpfe nah zusammen. So kommen sie uns nahe in unserer Zeit, sprechen uns kritisch-aufgeklärte Köpfe an.

Was die Sopranistin bis auf den in Klammer gesetzten Gedankengang plastisch hörbar macht, steht in Stockers fragiler Skulptur in hellen Blautönen vor Augen. Gestrafft ist der theologische Gehalt der Kantate in der Tenorarie; reizvoll spielen hier das Timbre der Oboen (Philipp Wagner, Ingo Müller, Ann Cathrin Collin) und des Solisten Bernhard Berchtold zusammen. Bassist Peter Kooij trägt kraftvoll in chromatischer Aufwärtsbewegung aus dem «Jammertal». Etwas scharf sticht Ulrike Hofbauers Sopran im federnd unterlegten, rhythmisch kühnen Duett mit Margot Oitzinger heraus – als dürfe es uns nicht zu selbstverständlich behaglich sein, «in Engelsherrlichkeiten».

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch