Kant, der grosse Philosoph der Vernunft, sprach Frauen und Wilden die Vernunft ab – Warum?

Männer wie Kant oder Locke stehen für Aufklärung und Vernunft. Um das Konzept aber akzeptabel machen zu können, blieben sie in Stereotypien stecken: Damit man sieht, was Vernunft ist, können sie nicht alle haben.

Christoph Bopp
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Vandalisierter Kant in Kaliningrad (früher Königsberg).

Vandalisierter Kant in Kaliningrad (früher Königsberg).

Bild: Vitaly Nevar/Getty (Kaliningrad, 27. November 2018)

Die Aufklärung feierte die Vernunft, die Menschenrechte, die Freiheit – ­alles, was uns heute von den Produkten aus dem Geistesladen lieb und teuer ist. Immer noch verstörend, denn es ist keineswegs neu. Neu aber ist, dass die Heroen der Epoche sich in ihren Schriften zu Diskriminierung, Frauenhass und Rassismus, einige auch zu Antisemitismus, hinreissen liessen.

Dass es die Stereotypien der Zeit gewesen seien, mag als Erklärung für den Anlass genügen, kann die Aus­brüche aber nicht entschuldigen. Autonomie, ein weiterer Schlüssel­begriff der Zeit, wäre die Fähigkeit, losgelöst von zeitbedingten Vorurteilen zu denken. Wie kann man den Begriff der Menschheit im Mund führen und daneben die unsäglichsten Vorurteile über «die Wilden» propagieren?

Und was das Geschlechterverhältnis betrifft, schreckte Kant in der «Metaphysik der Sitten» nicht davor zurück, zu behaupten, dass wenn der Mann in der Ehe das Sagen habe (er sei «der befehlende, sie der gehorchende Teil»), widerspreche dies nicht der Idee der Gleichheit; «so kann dieses nicht als der natürlichen Gleichheit eines Menschenpaares widerstreitend angesehen werden».

Es hat keinen Sinn, den Denkern diese Missgriffe wegzuerklären. Aber man kann sie in den «Context of Discovery» verweisen. Nicht im Sinn, dass sie zu rechtfertigen wären («Justification»), sondern dass sie historisch tatsächlich eine Rolle gespielt haben, als «diesen Männern diese Ideen über den Weg liefen», wie Karl R. Popper sagen würde.

Dass uns heute das 17. und 18.Jahrhundert als «das Zeitalter der Aufklärung» vorkommt, ist ein Irrtum und allenfalls schlechten Lehrbüchern geschuldet. Die Epoche der Auf­klärung war ein Zeitalter des Irrationalismus, der Fantasten, Durchgeknallten, Heiligen, Mystikern, es wimmelte von «Mike Shivas».

Man darf nicht vergessen, dass von 1764 bis 1766, als Kant in Königsberg das Programm seiner Vernunftkritik entwirft, er sich gleichzeitig mit zwei solchen Aussenseitern beschäftigt: mit dem «Ziegenpropheten», einem Outsider, der mit Kühen, Schafen und Ziegen im Wald herumvagabundierte; und dem Mystiker Emanuel Swedenborg, der in den letzten Jahren seines Lebens behauptete, mit Engeln zu reden.

Zum Ziegenhirten schreibt Kant «Über die Krankheiten des Kopfes» und Swedenborg widmet er «Träume eines Geistersehers, er­läutert durch die Träume der Metaphysik». In ihrem Buch «Das Andere der Vernunft» erläutern Hartmut und Gernot Böhme den Zusammenhang zwischen diesen Figuren und Kants Vernunftkritik.

Der grosse Aufklärer Immanuel Kant in einem Gemälde von Gottlieb Döbler von 1791.

Der grosse Aufklärer Immanuel Kant in einem Gemälde von Gottlieb Döbler von 1791.

Bild: Gemeinfrei / Wikipedia

Zentral für Kants Erkenntnistheorie wäre eigentlich das Vermögen der Einbildungskraft. Was wir erkennen, erkennen wir in Bildern. Von aussen kommen zwar Reize (Impulse), aber sie sagen nichts darüber, wie die Aussenwelt wirklich beschaffen ist. Sie ist als Ding an sich unzugänglich. Aus den Sinnesempfindungen (Sehen, Tasten, Riechen, Hören und Schmecken) konstruiert die Fantasie ein Bild des Objekts.

Später (in der zweiten Auflage der «Kritik der reinen Vernunft») drängte Kant die Fantasie zu Gunsten des Verstandes zurück. Die Begriffe des Verstandes sind es nun, die garantieren, dass Erkenntnis, wenn auch nicht völlig objektiv, so doch garantiert intersubjektiv ist.

Kant war aufgefallen, argumentieren die Brüder Böhme, wie nahe die wild wuchernden Fantasien des Ziegenpropheten und des Geister­sehers seinem bildgebenden Vermögen waren. Das Projekt der Vernunft in der Aufklärungsepoche war nur kulturell ein befreiendes, in sich war es defensiv und einengend. Die Vernunft muss ihr Territorium behaupten und verteidigen. Gegen all den Irrationalismus von aussen, aber auch von innen: den Trieben, den Gefühlen, der Sexualität. Das gilt auch für die Moral, die Kant gemäss seiner Erkenntnistheorie rekonstruiert. Auch hier werden wir von der Vernunft «genötigt», uns ihrem Gesetz zu unterwerfen.

Vernünftig ist der Mensch eben nicht von Geburt an. Vernünftig muss man werden, besser: gemacht werden. Erziehung ist alles. Dass die Vernunft (in der Kritik) sich selbst definiert, ist nur vordergründig ein Vorteil. In der Sache heisst es, dass sie sich dauernd abgrenzen muss. Sie sagt nicht, was sie ist, sondern definiert sich dadurch, dass sie sich abgrenzt von dem, was sie nicht ist.

Von Rousseau – und Kant folgt ihm – stammt das Konzept vom «edlen Wilden». Dass die Zivilisation dem Menschen «nicht nur guttut», dieser Eindruck drängte sich auf. Aber das «Edle» mussten die Aussereuropäer bezahlen – mit Infantilisierung. Sie sind wie Kinder, beschieden die Aufklärer, sie wissen von nichts, deshalb sind sie gut. Aber es ist auch klar, was ihnen droht: das gleiche Disziplinierungsprogramm, das die Europäer sich verschrieben hatten.

Der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau glaubte, dass der Mensch ohne den Einfluss der Zivilisation von Natur aus gut sei.

Der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau glaubte, dass der Mensch ohne den Einfluss der Zivilisation von Natur aus gut sei.

Bild: Gemeinfrei / Wikipedia

Im «Context of Justification» gibt es nun keinen Platz mehr für menschheitliche Gleichheit. Vernunft muss sich bewähren in Gestalt von aufrechten Denkern, die, vernünftig durch und durch, all dem Wilden und Ungeordneten eine harte Absage erteilt hatten. Nun auch «den Wilden» (noch nicht vernünftig) und den Frauen (von Natur aus etwas anders vernünftig) Vernunft zuzusprechen, wäre schlechte PR.

Heute diskutieren wir darüber, Affen eine Art «Menschenrechte» zuzusprechen. Aus aufgeklärter Perspektive eigentlich selbstverständlich. Aber, solange Menschenrechte für alle Menschen noch eine prekäre Sache sind, wird man davon eher abraten.