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Kampfplatz Religion

Der Franzose André Vauchez widmet sich der Geschichte der Religion im Mittelalter – und sieht diese Zeit bis heute fortwirken. Gestern hat er in Bern den Balzan-Preis bekommen.
Rolf App
Das Lebensgefühl des Mittelalters drückt sich in Bildern aus. Armut ist allgegenwärtig – und wird hier mit dem heiligen Martin thematisiert. (Bild: fotolia)

Das Lebensgefühl des Mittelalters drückt sich in Bildern aus. Armut ist allgegenwärtig – und wird hier mit dem heiligen Martin thematisiert. (Bild: fotolia)

Bei der Präsentation der Preisträger sprechen alle Englisch. Bis der Romanist Karlheinz Stierle ans Mikrophon tritt und sagt: «C'est aujourd'hui un jour de gloire pour la recherche française.» Womit er unbestreitbar recht hat. Denn von den vier Preisträgern der diesjährigen Balzan-Preise (siehe Kasten) kommen drei aus Frankreich – die Mikrobiologin Pascale Cossart, der Quanteninformatiker Alain Aspect und der Historiker André Vauchez, Verfasser angesehener Bücher über das Mittelalter. Genauer: über die Spiritualität im Mittelalter. Vauchez, dem Stierles Einleitung gilt, fährt dann auf Französisch fort – und beantwortet später die Fragen in perfektem Italienisch, Reverenz an die in der Schweiz und in Italien domizilierte Balzan-Stiftung. So kommen in den Räumen des Schweizer Nationalfonds gleich drei Sprachen auf ihre Rechnung. Und die Wissenschaft zeigt sich als ein vielstimmiges Ganzes.

Die Religion erforschen

Vauchez, vor ein paar Monaten 75 Jahre alt geworden, ist im Gespräch ausserordentlich lebhaft. Das Mittelalter infizierte ihn im Geschichtsstudium. «Ich hatte Lehrer, die mich dafür interessiert haben – Michel Mollat an der Sorbonne, der die Armut im Mittelalter erforscht hat, später dann Jacques Le Goff, der heute, mit 89 Jahren, immer noch aktiv ist.» So sind sie, die wahren Historiker: Die Last der Jahrhunderte macht sie nicht älter, sondern jünger.

André Vauchez seinerseits hat sich einem grossen Thema gewidmet: der Geschichte der Spiritualität in jenem Jahrtausend, welches das Mittelalter umfasst. Diese Spiritualität, das macht er deutlich, umfasst weit mehr als die von einer allmächtigen Kirche verordnete Religion.

«Ich bin selber Katholik, deshalb interessiert mich das», sagt er. «Aber bis ich mich des Themas angenommen habe, lag es vor allem in der Hand von Priestern und war mehr ein Anhängsel der Theologie.» Zusammen mit anderen hat er die Religionsgeschichte zu einem etablierten Zweig der Geschichte des Mittelalters gemacht – und dafür gestern aus der Hand von Bundesrat Alain Berset einen der mit je 750 000 Franken dotierten Balzan-Preise entgegennehmen dürfen.

Überall steckt Mittelalter

Das Mittelalter fasziniert André Vauchez durchaus auch aus dem Blickwinkel der Gegenwart. «Man kann den Palästinakonflikt nur vom Mittelalter her verstehen. Man muss den Kampf um Jerusalem mit einbeziehen – mit den Kreuzzügen und der Rückeroberung durch die Araber», sagt er. «Oder, ein anderes Beispiel, die Probleme des Balkans: Er war über mehrere Jahrhunderte von den Türken besetzt, es gab in dieser Zeit heftige Religionskonflikte.»

All dies wirke nach. Die Universitäten entstehen im Mittelalter, die Literatur erwacht, viele unserer Städte bekommen ihr Gesicht im Mittelalter, «St. Gallen zum Beispiel».

Die Umwege des Historikers

Wer sich dem Mittelalter zuwendet, muss viele Umwege gehen. Jene wenigen, die schreiben konnten, haben ihre Spur hinterlassen. Nicht aber die vielen einfachen Leute – die Bauern zum Beispiel. Allerdings, sagt André Vauchez, «auch über sie erfährt man einiges aus den vorhandenen Quellen. Die Archäologie erzählt viel über den Alltag dieser Menschen. Auch in Bildern lassen sich Vorstellungswelten, Veränderungen, Konflikte ablesen. Das Mittelalter ist vor allem eine Zivilisation der Bilder».

Wie das geht, das hat er selber in einem spannenden Buch gezeigt. «Gottes vergessenes Volk» ist es betitelt und erzählt, wie die Laien zwischen etwa 1100 und 1450 mehr und mehr zu einer Macht werden – die sich einer prunksüchtig gewordenen Kirche entgegenstellt. Im Volk kommen religiöse Bewegungen auf, Eremiten verbreiten das Ideal des einfachen Lebens. Der Religion von oben stellt sich eine Spiritualität von unten entgegen.

Und: Aus dem Dunkel der Geschichte treten die Frauen. «Die Frauen sind ein besonders spannendes Kapitel», sagt André Vauchez. Lange ist ihre Position wenig gesichert und die Sterblichkeit bei Geburten hoch. Dann werden sie im Minnesang als begehrenswert besungen, und im 12. Jahrhundert greift ein ausgeprägter Marienkult um sich. Es findet eine Art Rehabilitation statt. Frauen gründen Klöster, Mystikerinnen und Prophetinnen finden breite Verehrung, während das Papsttum ebenso in eine tiefe Krise rutscht wie die französische Monarchie. Ihr zur Hilfe eilt Jeanne d'Arc – und wird zu einem Teil der kollektiven Erinnerung.

Was ist der Mensch?

Religion: Das ist bei André Vauchez ein Raum, in dem sich gesellschaftliche Veränderungen vollziehen. Macht wird in Frage gestellt, aber es artikulieren sich auch geistige Bedürfnisse, die tiefer reichen. «Ja, es kann sein, dass die Spiritualität zum Wesen des Menschen gehört», sagt André Vauchez, zögernd.

André Vauchez Französischer Mittelalterhistoriker (Bild: Balzan)

André Vauchez Französischer Mittelalterhistoriker (Bild: Balzan)

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