Kampf gegen die Kälte

Literatur Wolfgang Hermann lässt sich in «Abschied ohne Ende» auf Wut und Schmerz eines Vaters ein, der um seinen Sohn trauert. «Ich mag Bücher mit einem gewissen Wärmegrad», sagt der Vorarlberger im Gespräch. Bettina Kugler

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Wolfgang Hermanns Bücher handeln von der Sehnsucht nach dem anderen. (Bild: Volker Derlath)

Wolfgang Hermanns Bücher handeln von der Sehnsucht nach dem anderen. (Bild: Volker Derlath)

Der erste Blick fällt in einen stillen Garten. Letztes Sommerlicht tanzt durch Büsche und Baumkronen. Unversehens bricht es und weicht dem Novembergrau, jenem Weichzeichner, in dem die Dinge ihre Konturen verlieren. Wenige Sätze genügen, um zum Kern dessen vorzudringen, was Wolfgang Hermann in seinem neuen Buch «Abschied ohne Ende» erinnernd umkreist: Ein Mann betritt das Zimmer seines 16jährigen Sohnes und findet ihn tot im Bett liegend. Die Zeit verschwindet an diesem Morgen, ein langer Winter bricht an.

«Für Florian», ist dem schmalen Band vorangestellt; auf den folgenden hundert Seiten heisst der Tote dann «Fabius». Die Willkür der Erinnerung spült immer neue Bilder von ihm heran: mal das friedliche Sandkastenkind, dann den Heranwachsenden, der zu rebellieren beginnt, die Schule verweigert. Der Probleme macht, von welchen der Erzähler eher am Rande mitbekommt. Und dann noch eines, in quälender Wiederholung: das Bild zweier Männer, die einen grauen Metallsarg aus dem Haus tragen.

Die näheren Umstände des Todes rücken in den Hintergrund; intensiv setzt sich «Abschied ohne Ende» dagegen der Trauer aus – und dem Gefühl, als Vater versagt, sich dem Leben nicht mutig genug ausgesetzt zu haben. In poetischer Verdichtung geschieht das und frei von Larmoyanz.

Ein abgebrochenes Buch

Vor dreizehn Jahren hat Hermann schon einmal versucht, dieses Buch zu schreiben. Da war der Schmerz über den Tod seines eigenen Sohnes noch frisch; Verzweiflung und Wut über das Unabänderliche bestimmten den Ton. Es gelang ihm nicht, eine distanzierte Haltung einzunehmen; so liess er es schliesslich bleiben, wandte sich anderen Dingen zu. Erfand etwa den Herrn Faustini, eine Figur, wie aus einem Film von Jacques Tati gefallen – wenn auch in Vorarlberg beheimatet. Ein Eigenbrötler und «Spazierseher», ein Zeitdieb, der Musse hat, umherzustreifen und den anderen beim Leben zuzuschauen – und dabei, wie sie daran vorbeileben.

Faustini, der Flaneur

Alle Bücher Wolfgang Hermanns handeln von der Sehnsucht nach dem anderen, vom Schritt aus der Vereinzelung, davon, wie verfehlt unser Flanieren im Dasein ist, «wenn man sich nicht hingab an das Leben, hingab für das Leben, für einen wunderbaren Menschen», wie er es einmal Herrn Faustini in den Mund legt. Der freilich mehr Selbstgespräche führt. «Faustini, das war eine Expedition ins Leichte und Komische», sagt Hermann, «ich hatte das vorher nie ausprobiert. So wie ich auch nie eine tragische Geschichte geschrieben habe. Ich mag Bücher, die einen gewissen Wärmegrad haben.» Es scheint, als habe ihm die Faustini-Prosa auch dabei geholfen, sich einen Garten vorzustellen, in dem der Winter kein Dauergast ist. In dem der Kampf gegen die Kälte eine Pause macht, wie es am Ende des neuen Buchs heisst.

Wege ins Weite

Der Verlag hat «Abschied ohne Ende» mit einen eisgrauen Schutzumschlag versehen: Pfähle, die ins Weite führen, in einem winterlich wabernden See. Eigentlich hätte Hermann das Buch gern «Winterelegie» genannt, doch das Lektorat winkte ab: Wer weiss heute schon, was eine Elegie ist? Schliesslich haben nicht alle, die das Buch lesen sollen, wie Wolfgang Hermann über den Dichter Friedrich Hölderlin doktoriert. Was allerdings auch nicht nötig ist, um sich von seiner Prosa berühren zu lassen.

Keine «Ich, ich, ich!»-Literatur

Dass «Abschied ohne Ende» sich gleichwohl in Hölderlins Nähe begibt, war Hermann beim Schreiben keineswegs bewusst. Es gibt Sätze darin, die könnten aus «Hyperion» stammen, dem kurz vor 1800 erschienenen einzigen Roman des schwäbischen Dichters. Auch der junge Grieche Hyperion beklagt darin Verluste; er blickt zurück auf die Kindheit und Jugend, legt sich Rechenschaft ab über eine zerbrochene Liebe. Er versucht, schreibend mit sich ins reine zu kommen – und sich dabei als Teil der Natur, seiner unmittelbaren Umgebung zu begreifen.

Seiner Heimat Vorarlberg, der Gegend, wo «Berge sind, ein See, viel Regen, immer Regen, leere Bahnhöfe» hat Wolfgang Hermann nie ganz den Rücken gekehrt – obwohl er, in Bregenz geboren, in Dornbirn aufgewachsen, später weit herumgekommen ist in der Welt. Nicht als Tourist, sondern als Reisender mit offenem Ziel, als zeitweiliger Mitbewohner in Städten wie Paris, Berlin, New York, Tokio.

Kaum merklich führt «Abschied ohne Ende» zurück nach Bregenz. Es sucht Wärme und südliches Licht in Frankreich, hält sich ansonsten jedoch von spürbarer autobiographischer Nähe zurück. Keine «Ich, ich, ich!»-Literatur sei Wolfgang Hermanns Prosa, hat Schriftstellerkollege Erich Hackl einmal formuliert; stattdessen sei sie geleitet vom Verlangen, das unverfälschte Leben aufzuspüren. Oder es schreibend zurückzuerobern.

Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende, Langen Müller, 102 S., Fr. 19.90