Kampf gegen das Gefühl des Scheiterns

Schauspielerin Annette Kuhn hat, wie viele Freiwillige, Flüchtlingen in Griechenland geholfen. Jetzt hat sie ein Theaterstück über Begegnungen mit Menschen auf der Flucht geschrieben, Jean Grädel führt Regie bei «Strandgut». Was haben Sie erreicht?

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Annette Kuhn Bild: pd/Jörg Finger

Annette Kuhn Bild: pd/Jörg Finger

Schauspielerin Annette Kuhn hat, wie viele Freiwillige, Flüchtlingen in Griechenland geholfen. Jetzt hat sie ein Theaterstück über Begegnungen mit Menschen auf der Flucht geschrieben, Jean Grädel führt Regie bei «Strandgut».

Was haben Sie erreicht?

Auf Lesbos und in Piräus waren ganz unterschiedliche Bedingungen. Auf Lesbos nahmen wir Boote in Empfang, leisteten Erstversorgung, versuchten die Menschen physisch und psychisch zu stabilisieren. Im inoffiziellen Camp in Piräus, die mazedonische Grenze war bereits geschlossen, betreuten wir Menschen, die weder vorwärts und rückwärts konnten, vor allem Kinder.

Und was nicht?

Ich konnte die Situation einiger Menschen für einen Moment verbessern. Aber ich ging, wie alle Freiwilligen, jeweils ins Bett mit dem Gefühl, nicht genug getan zu haben. Dieser persönliche Kampf gegen das Gefühl des Scheiterns dauert bis heute an.

Warum ein Theaterstück?

Diese Erlebnisse in eine theatrale Form zu fassen, um sie einem breiteren, interessierten Publikum zugänglich zu machen, schien mir wie das Einlösen eines Versprechens, das ich den Flüchtenden gegeben hatte.

Wie war Jean Grädel beteiligt?

Wir kennen uns von den Produktionen des Freien Theaters Thurgau. Sprachen über das Thema, suchten gemeinsam einen Weg, es auf die Bühne zu bringen. Entscheidend war, nicht ein fertiges Stück zu nehmen, sondern auf persönliche Erfahrungen zurückzugreifen. Ich schrieb die Texte, gemeinsam setzten wir sie dramaturgisch zusammen, und Jean führte in den Proben Regie.

Sie bitten die Zuschauer, Schuhe mitzubringen.

Schuhe sind neben Wasser und Medizin die wichtigste Notwendigkeit. Wenn die Flüchtlinge mit den Booten ankommen, sind sie meist durchnässt und werfen ihre kalten, nassen Socken und Schuhe in Panik weg. Danach sind sie über Monate unterwegs, barfuss oder in schlechten, unpassenden Schuhen – das ist eine physische und psychische Belastung. Wenn sich die Zuschauer schon daheim überlegen, ob sie Schuhe mitbringen wollen, und wenn ja, welche, sind sie schon mitten im Thema. Die Schuhe übergebe ich übrigens persönlich Flüchtlingen in der Schweiz und in Athen. (dl)

Premiere: Do, 22.9., 20.15 Uhr, Phönix-Theater Steckborn www.strandgut.tk