Kafkas Affe kommt in die Schule

Für Kinder und Jugendliche spielt das Theater St. Gallen auf Anfrage ausser Haus – in Schulen und Kindergärten. Die neueste Produktion der Reihe «Theater mobil» ist Kafkas «Ein Bericht für eine Akademie» unter der Regie von Christian Hettkamp. Ab 15 und für Erwachsene.

Bettina Kugler
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Der Affe als vollkommen zivilisierter Mensch: Luzian Hirzel als Rotpeter in «Ein Bericht für eine Akademie». (Bild: Tine Edel)

Der Affe als vollkommen zivilisierter Mensch: Luzian Hirzel als Rotpeter in «Ein Bericht für eine Akademie». (Bild: Tine Edel)

ST. GALLEN. Ein erstes Mal brachte ihn der «Nachtzug», die Reihe «für Neues, Zögerliches und Mutiges» am Theater St. Gallen, in die Lokremise: den grossen braunen Schrankkoffer mit den Initialen des Tierparks Hagenbeck auf dem Deckel. Es rumort und rappelt zunächst in seinem Inneren. Alsbald entsteigt ihm Schauspieler Luzian Hirzel, im glitzernden Variétékostüm – um in gewählten Worten und kleinen, vielsagenden Gesten auf sein «äffisches Vorleben» zurückzublicken. Und dabei auch ins alte Affenkostüm zu schlüpfen.

«Freiheit» durch Anpassung

Der Text stammt von Franz Kafka: ein Geniestreich philosophisch tiefgründiger Prosa, entstanden 1917. Aus der Perspektive eines Affen von der afrikanischen Goldküste, der sich im Käfig auf dem Transport nach Europa «aus dem Bauch heraus» für die Freiheit entscheidet – indem er sich durch Nachahmung zum Menschen bildet – wirft Kafka einen kritisch-satirischen Blick auf unsere abendländische Kultur. Die Geschichte erscheint wie gemacht für die Studiobühne: als Reifeprüfung für einen jungen Schauspieler ebenso wie als vieldeutige Lektion zum Thema Bildung. Wie viel Natur bleibt übrig, zu wie viel Anpassung sind wir bereit?

Schnupperabend für Lehrer

45 Minuten dauert das Stück, so lange wie eine Schulstunde. Luzian Hirzel hat es unter der Regie seines Ensemblekollegen Christian Hettkamp erarbeitet; im Rahmen von «Nachtzug» kam «Ein Bericht für eine Akademie» im vergangenen Herbst einmalig auf die Bühne. An diesem Abend wird es noch einmal für Lehrerinnen und Lehrer gezeigt. Vor der Vorstellung gab es eine Einführung. Drei Anfragen, mit dem Stück ins Schulhaus zu kommen, liegen bereits vor. «Theater mobil» macht es möglich.

Nina Stazol, Dramaturgin mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendtheater, nennt die Produktion einen «Glücksfall» für die Reihe «Theater mobil». Unter diesem Label spielt das Theater St. Gallen auf Einladung von Schulen und Kindergärten, aber auch auf Anfrage von Erwachsenengruppen Stücke ausser Haus.

Der technische Aufwand hält sich bei diesen Stücken in Grenzen; oft können sie sogar im Schulzimmer gespielt werden – wie etwa Kai Hensels «Klamms Krieg» oder John von Düffels «Traumjobs». Die Geschichten bieten je nach Altersgruppe Stoff für Gespräche oder kreatives Arbeiten. Das Theater kommt damit seinem Bildungsauftrag nach und erspart mancher Klasse aus der Region den Weg nach St. Gallen. Die Lehrer wissen das zu schätzen, einschliesslich der Begleitung durch Handreichungen und Klassenbesuche. «Wir sehen unser mobiles Theater nicht primär als Angebot, den Unterricht aufzupeppen», betont Nina Stazol; «es soll auch möglichst nicht pädagogisch mundgerecht daherkommen.»

Ein Stück, komplex wie die Welt

Das ist bei Kafkas «Bericht für eine Akademie» tatsächlich nicht der Fall. Der Text öffnet einen weiten Interpretationsspielraum. Er eignet sich für Diskussionen über unseren Umgang mit Tieren ebenso wie für Erkundungen zum Thema Freiheit und Individualität. Die Sprache ist kunstvoll, aber verständlich: ein zusätzlicher Anreiz. «Wenn die Geschichte zu nah an die Realität der Jugendlichen reicht, erschöpft sich das Gespräch oft schnell – oder es wird schwieriger», diese Erfahrung haben Nina Stazol und Theaterpädagoge Mario Franchi bei ihrer Arbeit mit Schulklassen gemacht.

Mal hilft es, die Gruppe für die Nachbereitung nach Geschlechtern zu trennen, mal werden Jugendliche gesprächiger, wenn die Lehrperson draussen bleibt. Bei Kafkas «Bericht für eine Akademie» wird das nicht nötig sein. «Gerade dieses Stück mit seinen vielen Sehweisen bietet für Lehrer die Chance, ihre Klasse anders und besser kennenzulernen.» Ganz abgesehen davon, dass es eine komplexe Wirklichkeit in eine spannende, gut nachvollziehbare Geschichte packt. Mit allen Mitteln der Bühnen- und Schauspielkunst.