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Kafka als Comic

Von Goethe bis Proust: Immer mehr Werke aus der Weltliteratur erscheinen als Comic – mit grossem Erfolg.
Martin Weber
Mehr Bild, weniger Text: «Die Verwandlung» von Franz Kafka. (Bild: pd)

Mehr Bild, weniger Text: «Die Verwandlung» von Franz Kafka. (Bild: pd)

Micky Maus, Donald Duck, Asterix oder Batman begeistern seit jeher die Comic-Fans. Doch neuerdings bekommen die gezeichneten Helden von unerwarteter Seite Konkurrenz: Immer mehr anspruchsvolle Werke gibt es jetzt auch als Bildergeschichten – von Goethes «Faust» über Kafkas «Die Verwandlung» bis zu Marcel Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit».

Titelheld mit Fusselbart

Das Geschäft mit der Weltliteratur im Comic-Format boomt und beschert Verlagen einen ganz neuen Absatzmarkt. «Es läuft gut», sagt Programmleiter Ralf Keiser vom Hamburger Carlsen-Verlag, einem der Marktführer in der Comic-Sparte, über anspruchsvolle Literatur als Abfolge bunter Bildchen. «Man kann hier schon von fünfstelligen Verkäufen sprechen. Das ist für dieses Segment sehr gut.» In dem bei Carlsen erschienenen Comic-Band «Faust» (96 Seiten, Fr. 23.90) des Berliner Zeichners Flix wird der mit Jeans und Fusselbart auf modern getrimmte Titelheld zum Berliner Taxifahrer, sein Gretchen zur Bioladenverkäuferin. Der Anmachspruch in der Sprechblase gerät dagegen ganz klassisch: «Schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?» Denn das ist der entscheidende Punkt bei den Literatur-Comics: Sie nehmen ihre bedeutenden Vorlagen durchaus ernst, wollen die grossen Texte zwar eingedampft, aber möglichst ohne Abstriche bei Sinn und Gehalt an den Leser bringen.

Im Geist der Geschichte

So hält sich beispielsweise auch die im Münchner Knesebeck-Verlag erschienene Bildergeschichte «Die Verwandlung» (48 Seiten, Fr. 33.50) des französischen Comic-Autors Eric Corbeyran und des Zeichners Richard Horne eng an ihre Vorlage, die berühmte Erzählung von Franz Kafka über den bedauernswerten Gregor Samsa, der sich eines Nachts in eine riesige Küchenschabe verwandelt. In düsteren Bildern, die den Geist der Geschichte durchaus treffen, schildert das kreative Gespann Corbeyran/Horne den Leidensweg Samsas bis zu seinem deprimierenden Ende. Für Jule Menig vom Knesebeck-Verlag sind Comics ein idealer Weg, sich gerade sperrigen Stoffen anzunähern: «Viele Leser freuen sich doch, Weltliteratur mal in dieser Form angeboten zu bekommen – das kann dazu beitragen, die Scheu vor grossen Schriftstellern abzubauen.» Zwar finde es nicht jeder gut, dass Werke von Kafka, Melville oder Proust zu Graphic Novels verarbeitet werden – Proteste erzürnter Bildungsbürger, die das Ansehen der Schriftsteller beschädigt sehen, seien aber selten, sagt Jule Menig. Das bestätigt auch Ralf Keiser vom Carlsen-Verlag: «Vorbehalte dieser Art erreichen uns eigentlich nicht mehr. Mittlerweile ist es akzeptiert, dass sich auch der Comic klassischer Literaturstoffe bedienen darf, ebenso wie es auch andere Medien tun.»

Suhrkamp-Verlag ist interessiert

Als Käufer der Sprechblasen-Literatur haben die Verlage nicht die typischen jugendlichen Comic-Fans, sondern eher den gutsituierten Leser über 30 ausgemacht, denn die mal farbigen, mal schwarzweissen Bildchenbände sind nicht gerade billig: Aufwendiger gestaltete Werke wie etwa die im Knesebeck-Verlag erschienenen «Pop-up-Bücher» nach Werken von Mary Shelley («Frankenstein») oder Herman Melville («Moby Dick») kosten schon mal knapp 45 Franken. Doch davon lassen sich immer mehr Fans von Hochliteratur im Comic-Format keineswegs abschrecken, die Verlage suchen deshalb im In- und Ausland ständig nach neuen Ideen für Adaptionen. Sogar der angesehene Suhrkamp-Verlag denkt derzeit über das Geschäft mit Comics nach, geplant sind Graphic Novels nach Stoffen berühmter Suhrkamp-Autoren wie Peter Handke oder Max Frisch.

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