Kabarettist Bänz Friedli über die Corona-Quarantäne: «Die Krise war eine wunderbare Zeit»
Interview

Kabarettist Bänz Friedli über die Corona-Quarantäne: «Die Krise war eine wunderbare Zeit»

Bild: Patrick Gutenberg (20. April 2020)

Sprachkünstler Bänz Friedli erklärt, wie ihn der Lockdown verändert hat und warum er Frauenfussball besser findet.

François Schmid-Bechtel
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Im Stockwerk unter seiner Wohnung in Zürich hat sich Bänz Friedli sein Büro eingerichtet. Schnell wird augenfällig, was die Leidenschaften des Kabarettisten sind: Fussball und Musik. Genauer: Frauenfussball, Elvis Presley, YB und die Squadra Azzurra.

Der Blick fällt die Titelseite der «Gazzetta dello Sport» mit dem WM-Titel 1982, von «L’Équipe», die zum WM-Titel der Amerikanerinnen 2019 titelte: «Great AGAIN». Wer sucht, findet auch den Salzburger Stier, den er 2015 erhielt. Friedlis neustes Projekt sind die Schwalbenkönige mit Wolfgang Bortlik, Gogo Frei und Daniel Knechtli.

Die Live-CD versammelt Songs und Texte, mit Satire und Nostalgie zum Thema Fussball. Jedesmal, wenn die Schweiz an eine EM oder WM fährt, bringen die Schwalbenkönige eine CD heraus. Die EM ist verschoben, die CD aber kommt. Friedli ist zum ersten Mal dabei.

Wie lange sind Sie nicht mehr vor Publikum aufgetreten?

Bänz Friedli: 93 Tage. Bis letzte Woche in der «Cappella» Bern. Das war gut, es besteht eine Verbundenheit zwischen dem Publikum, das sich wieder hinaustraut, und uns, die wir wie Debütanten wieder auf die Bühne steigen.

Jetzt kokettieren Sie.

Nein. Uta Köbernick, eine preisgekrönte Künstlerin, die am selben Abend auftrat, ist fast gestorben vor Nervosität. Wir waren alle sehr unruhig. Nicht wie nach der Sommerpause, nein, es schwang sehr viel Unsicherheit mit darüber, was Humor soll, darf und vermag. Für uns alle ein Abtasten. Wir realisierten aber rasch, dass die gemeinsame Erfahrung das Zusammenspiel mit dem Publikum erleichtert. Jetzt geht es noch um eine Art Aufarbeitung, im September will wohl niemand mehr Coronasprüche hören. Aber ich hatte nicht jeden Tag darauf gewartet, auf die Bühne zurückzukehren.

Ein Berner gross in Zürich

Bänz Friedli – Kabarettist
Bild: Keystone

Bänz Friedli – Kabarettist


Bekannt geworden ist der 55-jährige, bekennende Fussballfan Bänz Friedli durch seine Pendlerkolumne in der Gratiszeitung 20 Minuten und seine Hausmannkolumne im Migros Magazin. Nach «Gömmer Starbucks?» und «Ke Witz! Bänz Friedli gewinnt Zeit» ist er mit seinem dritten Solokabarettprogramm «Was würde Elvis sagen?» auf Tournee. Friedli lebt als Autor, Journalist und Kabarettist mit seiner Frau und den beiden erwachsenen Kindern in Zürich. (hak)

Sie haben die Bühne nicht vermisst?

Mit jedem Tag etwas weniger.

Was sagt das aus?

Vielleicht, dass ich nicht süchtig nach Applaus bin? Ich habe nur Gutes aus der Coronakrise gezogen, für mich das Schreiben wiederentdeckt und sehr viel Sport gemacht. Das einzig Schwierige: Um Kabarett zu machen, muss man Menschen beobachten, es braucht einen laufenden Politbetrieb, über den man sich lustig machen, und den Fussball, über den man sich aufregen kann. Die Reibung fehlte. Aber es war eine grossartige Zeit. Gäbe es dafür Lohn, hätte ich noch lange so weiter gemacht.

Apropos Lohn: Kamen existenzielle Ängste auf?

Nein, ich konnte bislang alle Rechnungen bezahlen. Dafür musste ich zwar mein Polster aufbrauchen, das für die nächste Bühnenpause vorgesehen war.

Erhalten Sie Unterstützung?

Es gibt eine Weisung des Bundes, die Kultur zu unterstützen. Aber der Kanton Zürich muss dafür erst noch eine Rechtsgrundlage schaffen. Mein Gesuch wurde noch nicht behandelt, ich habe keine grosse Hoffnung.

Warum?

Weil ich als «gewinnorientiertes Kulturunternehmen» eingestuft werde wie ein Club, wo Alkohol ausgeschenkt wird und Musik läuft. Weil ich eine GmbH mit genau einem Angestellten bin, mir selber, konnte ich nur beschränkt Kurzarbeit beantragen. Weil ich nie zuvor öffentliche Gelder bezog, befürchte ich, dass die Behörden zum Schluss kommen: Er hat finanzielle Hilfe nicht nötig. Bösartig gesagt: Als subventionierter Improjazzer wäre ich besser dran.

Sind Sie enttäuscht von der Politik?

Nein. Denn wir sind immer noch wahnsinnig verwöhnt und wattiert. Wenn ich sehe, wie die Obdachlosen in Genf und Zürich für warmes Essen anstehen, diese Menschen können enttäuscht sein von der Politik, nicht ich. Jammern wäre in meinem Fall sehr, sehr unanständig.

Erst letzten Mittwoch konnte man Benz Friedli wieder live erleben: Er gab mit Satiriker Rhaban Straumann eine Doppellesung in einer Oltener Buchhandlung.

Erst letzten Mittwoch konnte man Benz Friedli wieder live erleben: Er gab mit Satiriker Rhaban Straumann eine Doppellesung in einer Oltener Buchhandlung.


Patrick Lüthy/IMAGOpress.com

Sie schwärmen geradezu vom Leben während der Coronakrise. Ist die Rückkehr auf die Bühne eher ein Müssen?

Ehrlich gesagt ja. Heute ins Toggenburg, morgen nach Liestal, übermorgen nach Murten. Allein die Vorstellung kann ermüdend sein. Während der Theatersaison bin ich im Play-off-Modus. Und was macht der Hockeyspieler während der Play-offs? Spielen, reisen, essen, trinken und versuchen zu schlafen. Es hat mich nicht gestört, dass dies weggefallen ist. Aber jetzt, wo ich ein erstes Mal wieder Kontakt zum Publikum hatte, fand ich es schön. Und im Juni habe ich ohnehin nur Projekte, die Spass machen. Wie die Schwalbenkönige.

Die Schwalbenkönige haben Sie für Pedro Lenz eingewechselt. Ging das mit rechten Dingen zu?

Pedro hat 16 Saisons absolviert. Es gibt keine grösseren Fussstapfen als seine – Grösse 48, oder? Aber ich habe mir nicht viel überlegt, nicht alle alten CDs durchgehört und gehirnt, wie ich ihn ersetzen könnte. Ich sagte nur: Okay, Giele, cool, dass ihr mich anfragt! Ich bin ich. Was für die Kollegen auch Vorteile hat: Meine Texte kennen sie schon am Abend vor dem Auftritt. Pedro hat seine, glaube ich, jeweils erst in der Garderobe fertig geschrieben.

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Im Booklet der neuen Schwalbenkönige-CD steht: «Weil ohnehin nur die Erinnerung den Fussball noch erträglich macht.» Was ist denn so unerträglich am Fussball?

Fast am meisten stört mich, dass die Fussballer zum grossen Teil langweilig sind. Und dann liest man ein Interview mit Thabo Sefolosha und denkt: Es gibt sie noch, die Spitzensportler mit Hirn und Haltung! Es gibt auch solche Fussballerinnen. Und so waren ein paar Helden meiner Jugend.

Wer?

Kurt Feuz, «mein» YB-Verteidiger der 1970er, war sicher kein Nobelpreisträger. Aber er war eine Figur, ein Kerl. Oder «Tinu» Weber: Wenn an der YB-Adventsfeier nackte Tänzerinnen aus einer Torte stiegen, gingen er und seine Frau nach Hause, weil sie es geschmacklos fanden. Er hatte eine Haltung. Beni Huggel, Christoph Spycher: Das waren Persönlichkeiten. Heute gibt es zu viele von der Sorte, die ein goldenes Steak essen. Die nicht wissen, wie blöd sie ihr protziges Gehabe auf Instagram darstellen sollen. Alles andere kann man hundertmal beklagen: die irrwitzigen Gehälter, die Geldgeber, die bei Manchester City noch widerlicher sind als anderswo. Und dann muss man im nächsten Atemzug fragen: Wer hat den YB-Meistertitel ermöglicht? Ein Geldgeber vom Zürichsee. Als Fussball-Fan muss man viel schlucken.

Schon immer.

Ja. Dass die WM 1934 in Italien stattfand, war Mussolini zu verdanken. Es gab immer schon unappetitliche Begleitumstände im Fussball.

Drei grosse Autoren, ein Fussballclub: Pedro Lenz, Bänz Friedli und Bernhard Giger sind alle Fans der Berner Young Boys.

Drei grosse Autoren, ein Fussballclub: Pedro Lenz, Bänz Friedli und Bernhard Giger sind alle Fans der Berner Young Boys.

Bild: Keystone

Warum muss man den Fussball erträglich machen?

Weil man auf eine völlig kindische Art daran hängt. Mir hat während des Lockdowns der Fussball extrem gefehlt, dieses jungenhafte Kicken gegen den Ball.

Also aktiv, nicht passiv?

Ja! Unmittelbar nach unserem Gespräch habe ich nach Monaten mein erstes Training. Die Jungs wollten wegen des Regens in die Halle. Ich sagte: Nichts da, ich will das volle Programm, ich will auf dem Rasen grätschen, die Pfützen spüren. Den anderen, grossen Fussball habe ich nicht vermisst.

Sie sind ein grosser Fan von Megan Rapinoe. Nur: Wenn der Frauen- dem Männerfussball gleichgestellt ist, gibt es dann noch eine Megan Rapinoe?

Die Logik wäre, dass die Frauen so oberflächlich, öd und abgehoben werden wie die tätowierten Bubis. Dass es keine Megan Rapinoe mehr gäbe, die ihren Präsidenten Trump kritisiert, sich gegen ihren Fussballverband auflehnt, gegen Rassismus und Homophobie. Fiele die ehrliche, kämpferische Art, die es mir leicht macht, mich mit ihr zu identifizieren, weg? Ich glaube nicht.

Warum?

Rapinoe selber ist das beste Beispiel, eine von ganz wenigen Fussballmillionärinnen. Sie ist engagiert geblieben. Der Menschentypus, der zum Frauenfussball geht, ist schlauer und reflektierter. Und so unkompliziert, wie die Fussballerinnen mit Homosexualität umgehen … Ganz anders die Männer mit ihren Versteckspielen und Scheinehen, und das im Jahr 2020! Eine Schweizer Nationalspielerin hat mir gesagt: «Ich sehe die schwulen Profis im Alltag.» Und sie fragt sich, wie man so die bestmögliche Leistung bringen könne. Anders gesagt: Ein paar deutsche Nationalspieler wären besser, wenn sie sich nicht täglich verleugnen müssten.

Hinweis:
Die Schwalbenkönige: «Dritti Halbzyt»
CD, Der gesunde Menschenversand.

Plattentaufe: Sonntag, 21. Juni, 15 Uhr, Restaurant Sportplatz, Suhr.

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