Kabarett-Urgestein Emil Steinberger zur Coronakrise: «Lachen ist momentan sehr gefährlich»
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Kabarett-Urgestein Emil Steinberger zur Coronakrise: «Lachen ist momentan sehr gefährlich»

Bild: Urs Flüeler/Keystone (29. April, 2019)

Wäre ihm die Coronakrise nicht dazwischen gekommen, wäre Emil Steinberger mit seinen 87 Jahren immer noch auf Tournee. Im Interview erklärt er, warum er und seine Frau sich in ihrer Basler Wohnung nie streiten. Und warum er wenig von Streaming-Comedy hält.

Julia Stephan
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«Bitte kein Interview in dieser Woche! Ich bin gerade so überladen mit Dingen, die dringend erledigt werden müssen.» Wer glaubt, Kabarettist Emil sitze während des Lockdowns gelangweilt in seiner Basler Wohnung herum, verkennt den Schaffensdrang des 87-Jährigen. Emil arbeitet rund um die Uhr und hat wenig Zeit. Für die «Schweiz am Wochenende» machte er eine Ausnahme.

Emil Steinberger, Sie scheinen mit 87 auch in Coronazeiten ein viel beschäftigter Mann zu sein. Was treibt Sie um?

Emil Steinberger: Ich schreibe gerade an meiner Biografie. Mein Büro ist voller Mäppchen mit alten Zeitungsartikeln, Erinnerungen, Notizen und Fotos. Ich muss das alles erst einmal ordnen. Am Anfang war ich ratlos, wusste nicht, was ich über meine Schulzeit schreiben soll. Aber wenn man zu schreiben beginnt, kommt alles wieder hoch.

Sie haben die ideale Beschäftigung für den Lockdown gefunden. Wie haben Sie den als Vertreter einer Risikogruppe bisher erlebt?

Die ersten vierzehn Tage haben meine Frau und ich uns sehr fantasievoll ernährt. Unser Kühlschrank war leer und die Online-Lieferdienste der Grossverteiler waren überlastet. Die Waage gab positive Signale. Arbeit und Wohnen gehören bei uns immer zusammen. Es war keine grosse Umstellung.

Der Klassiker

Emil Steinberger – Kabarettist
Bild: Sabina Bobst/Lunax

Emil Steinberger – Kabarettist

Der gelernte Postbeamte und Grafiker Emil Steinberger, 87, wurde in den 1970ern mit seinem in holprigem Hochdeutsch vorgetragenen Nummernkabarett zum Star am deutschen Fernsehen und zum heimlichen Botschafter der Schweiz. Der Luzerner spielte in Rolf Lyssys Kultfilm «Die Schweizermacher» (1978) und gründete das Luzerner Kleintheater, das er mit seiner Ex-Frau zehn Jahre leitete. Es folgten Auftritte mit dem Circus Knie und dem Circus Roncalli, dem er in den 1980ern finanziell auf die Beine half. Auch als Werber war Emil sehr erfolgreich. Heute führt er mit seiner zweiten Frau Niccel (55) in Basel die Edition E, die Emils Bücher und Programme herausgibt. Seine aktuelle Tournee «Alles Emil, oder was?!» wird er nach einem Corona-Unterbruch voraussichtlich im August wieder aufnehmen. Emil hat zwei Söhne. (js)

Was kommt bei den Steinbergers auf den Tisch?

Spaghetti mit gebratenen Apfelschnitzen und Zimt und Zucker, oder mit gedörrten Zwetschgen – meine Frau war von den Kreationen begeistert! Süsses mit Spaghetti passt hervorragend.

Gehen Sie selbst einkaufen?

Ich bleibe konsequent zu Hause. Das Risiko ist mir zu hoch. Ich tue es aber auch aus Rücksicht auf meine Angehörigen, denen ich so einen traurigen Tod ohne Abschied im Krankenhaus ersparen will. Wir haben uns während der Krise extra einen Tiefkühler zugelegt, um wenigstens ein paar Vorräte anzulegen. Meine Frau Niccel und ich bringen höchstens mal ein paar Briefe mit dem Auto zur Post.

Sie haben einen Videoanruf strikt abgelehnt. Warum?

Weil ich ohne Coiffeurtermin schrecklich aussehe. Nein, Scherz! (lacht) Dass unser Bundesrat die Lockerung des Lockdowns als Erstes damit angekündigt hat, dass Coiffeursalons und Tätowierstudios wieder öffnen dürfen, hat mich an unserem gesunden Menschenverstand zweifeln lassen. Als wären Haare schneiden und sich tätowieren lassen das Wichtigste auf der Welt!

Angeblich sind Sie von Ihrer Frau Niccel keine Minute getrennt. Besteht überhaupt die Chance, dass Sie sich auf die Nerven gehen?

Wir sind beide so beschäftigt, wann sollten wir da streiten? Zudem sind Streitpunkte gute «Tolerier-Übungen». Dieser Lockdown ist vor allem für diejenigen eine Herausforderung, die nur vor dem Fernseher sitzen. Das kann einen schön runterziehen.

Haben Sie Tipps für Paare, die es nicht so harmonisch haben?

Wie man sein Leben gestaltet, hat viel damit zu tun, wie man aufgewachsen ist. Wenn Fussball in der Jugend Thema Nummer eins war, hat man jetzt Entzugserscheinungen und keinen gescheiten Ersatz. Ich schreibe und zeichne. Meine Frau ebenso. Sie hat damit angefangen, ihr Klavierspiel zu perfektionieren, oder schraubt den Enkelkindern Zeichnungsbüchlein zusammen. Wir haben immer Hochbetrieb.

Was haben Sie denn für Interessen mit auf den Weg bekommen?

Das Musikinteresse hat einer meiner Lehrer in mir geweckt, als er auf seiner Geige die «Wilhelm-Tell-Ouvertüre» von Rossini vorspielte und schilderte, wie die Musik die Tellgeschichte erzählt. Das hat definitiv etwas in mir ausgelöst. Das Kabarettspielen entdeckte ich durch lustige Einlagen in den Schulpausen und über den Pfarrer, der monatlich Filme von Buster Keaton und Charlie Chaplin im Pfarreiheim zeigte. Als Schüler habe ich daheim lieber mit Märklinbaukästen getüftelt oder gezeichnet, als mit Freunden in der Badi an der Sonne zu liegen.

Emil Steinberger 1970 als überforderter Vater im Sketch «Der Kinderwagen».
4 Bilder
Emil Steinberger (links) als Einbürgerungsbeamter an der Seite von Walo Lüönd im Kultfilm «Die Schweizermacher» (1978) von Rolf Lyssy.
Emil Steinberger im Jahr 1977 bei seinem legendären Auftritt als Eisverkäufer im Circus Knie.
Emil Steinberger mit seiner Frau Niccel.

Emil Steinberger 1970 als überforderter Vater im Sketch «Der Kinderwagen».  

Ullstein Bild/Getty

Mit Ihrer Frau haben Sie zehn Jahre eine Brieffreundschaft gepflegt, ehe sie ein Paar wurden. Briefe schreiben wäre im Lockdown eine schöne Form der Annäherung. Was spricht für diese Technik?

Das Briefeschreiben setzt so einen kreativen Prozess in Gang, den ich kaum erlebe, wenn ich meine Gedanken im Schnellzugtempo in den Computer hacke. Es gibt ja nicht ohne Grund Schriftsteller, die ihr Manuskript nur von Hand schreiben.

Anfang der 1990er-Jahre haben Sie sich nach New York zurückgezogen, weil Ihnen der Rummel um Ihre Person zu viel wurde. Fällt ihnen der staatlich verordnete Rückzug aus der Gesellschaft auch deshalb leichter?

Wir schätzen sogar diese Zeit, weil wir viel weniger von aussen aufgefordert werden, Wünsche zu erfüllen.

Sie haben mal gesagt, ohne Publikum zu proben, das sei, als würde man auf einem Berg stehen und höchstens das Echo komme einem entgegen. Proben Sie nie zu Hause?

Ich habe mich noch nie vor einen Spiegel gestellt und überprüft, wie ich aussehe, wenn ich einen Satz sage. Meine Gesichtsmuskeln wissen automatisch, was sie tun müssen. Eine Naturbegabung? Ich lerne die Abfolge der Nummern und die Texte, die nicht verändert werden dürfen! Der Rest ist frei.

Sie hätten allein im April in Zürich an die 20 Auftritte gehabt. Was kann Ihnen im Moment die Publikums-Lacher ersetzen?

Lachen ist momentan sehr gefährlich. Beim Lachen fliegen ganz schön viel Feuchtigkeitspartikel aus den Mündern. Ich finde die derzeit kursierenden Ideen, wie man eine Vorstellung retten könnte, ganz schrecklich. Eine Plexiglaswand zwischen Publikum und Künstler, zwei Meter Abstand einhalten oder ohne Publikum spielen und live zu streamen, ich kann mit allen Vorschlägen nichts anfangen. Dann bitte lieber gar kein Kabarett! Es wirkt alles so erzwungen. Humor funktioniert vor und mit Menschen. Auch deshalb probe ich nie im leeren Theater.

Welche Ihrer Kabarettfiguren würde die Krise am besten darstellen?

Vielleicht dieser Kerl, der in eine Buchhandlung geht und nicht mehr weiss, als dass er ein Buch will, das von Menschen handelt, die auf einen Berg steigen. Man ist momentan ja ähnlich hilflos wie viele meiner Figuren. «Ich möchte, aber es ist verboten, ich sollte, weiss nicht, ob ich darf, ich müsste doch, aber der Nachbar sieht mich... Wer hilft mir? Aber ich kann doch nicht fragen... Telefonieren? Nein, das könnte stören. Soll ich zum Coiffeur oder ins Nailstudio, mich tätowieren lassen? Oder doch das Buch vom Berg lesen?»

Erst letztes Jahr wurde Emil vom Luzerner Regierungsrat offiziell für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Erst letztes Jahr wurde Emil vom Luzerner Regierungsrat offiziell für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Bild: Keystone

Sie haben mal gesagt, Sie würden es sich nicht zumuten, politische Themen in Ihr Kabarett aufzunehmen. Trotzdem sind Sie ein politisch interessierter Mensch. Wie geht das zusammen?

Dazu fähig wäre ich schon, aber ich kann diese menschliche Form des Kabaretts, die sich bewährt hat, schwerlich mischen mit harten politischen Bemerkungen. Das ist auch nicht unbedingt gewünscht.

Dabei hätten Sie eine dezidierte Meinung zu vielem...

Eine Zeit lang haben die Parteien auch um mich geworben. Ich wollte aber nie auf eine Parteiliste. Das Politikerleben ist knallhart. Ich wäre zu sensibel. Allein Dinge sagen zu müssen, die nicht stimmen, würde ich nicht ertragen. Das ist gesundheitsschädigend. Die Zeitungen liefern mir das Welttheater.

Wie konnten Sie sich eigentlich in all den Jahren Ihre Menschenfreundlichkeit bewahren?

Ich hatte schon immer ein gutes Verhältnis zu den Menschen. Ich kritisiere sie nicht auf billige Art und schon gar nicht unter der Gürtellinie. Wer Kabarett macht, muss Menschen gern haben, mit all ihren kostbaren Fehlern, die so ein Kabarett ja gerade erst möglich machen. Wenn ich in Basel unterwegs bin, kommt es vor, dass plötzlich eine Person neben mir auf dem Fussgängerstreifen geht und sagt, «Sie haben uns viele schöne Stunden geschenkt». Und dann weitergeht. Das sind schöne Momente.

Sie sind 87 und topfit. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?

Mein Hausarzt sagte einmal zu mir: «Herr Steinberger, bei den meisten Männern geht es ab 65 gesundheitlich rasant bergab, und Sie sind einfach gesund.» Mich hat das sehr nachdenklich gestimmt. Diese Männer haben nach ihrer Pensionierung einfach nichts mehr zu tun. Mein Geheimnis: Neugierig bleiben, auch auf Menschen! Aber in der egomanischen Gesellschaft, in der wir leben, erzählen wir häufig nur noch von uns. Ich vermisse manchmal eine Gegenfrage, ein echtes Interesse am Gegenüber müsste es sein.

Diese Woche jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs. Haben Sie Erinnerungen daran?

Ich weiss noch, dass die Kirchenglocken mitten am Tag geläutet haben. Meine Mutter kam in mein Zimmer und sagte zu mir: «Emil, der Krieg ist fertig.» Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Schon im Alter von 12 Jahren war ich mir der Tragweite bewusst.

Es gibt Menschen, die sehen in der Coronakrise die grösste seit dem Ende des Krieges. Eine masslose Übertreibung?

Weltpolitisch haben wir eine nervige Schieflage. Gesellschaftlich ist es eine Sache der Disziplin. Von Essensrationierung wie 1945 kann keine Rede sein. Hat mich die Krise nicht noch kreativer gemacht, wenn ich zu meiner Frau statt «Wohin gehen wir essen?» neu «Was kochen wir heute?» sage?

Emil wird voraussichtlich ab August wieder mit seinem Programm «Alles Emil, oder was?!» unterwegs sein. Weitere Infos zu seinen Vorstellungen auf www.emil.ch

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