Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

KABARETT: Heiteres Warten auf das Dessert

Am Silvester präsentiert Joachim Rittmeyer in der St. Galler Kellerbühne sein Programm «Bleibsel». Da erörtert er wieder einmal eine zentrale Frage der Menschheit – assistiert von seinem Lieblingspersonal.
Beda Hanimann
Joachim Rittmeyer präsentiert sein Videoexperiment: Meisterhaftes Spiel auf verschiedenen Realitätsebenen. (Bild: Hilde Eberhard)

Joachim Rittmeyer präsentiert sein Videoexperiment: Meisterhaftes Spiel auf verschiedenen Realitätsebenen. (Bild: Hilde Eberhard)

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Ist das Kabel, das im Kunstmuseum von der Wand hängt, Teil einer Kunstinstallation? Oder doch nur die Spur eines nachlässigen Haustechnikers? Im Museum steht alles unter Kunstverdacht, sagt Joachim Rittmeyer irgendwann an diesem Abend. Das gilt übersetzt auch für ihn. Wenn einer wie er angesagt ist, steht alles unter Kabarettverdacht. Also auch die Einblendung «Kein Si­gnal» auf der Grossleinwand.

Es ist das Grundmuster vieler Solo-Kabarettprogramme, irgendetwas läuft schief, der Kabarettist übernimmt verdankenswerterweise und überbrückt die Wartezeit. «Hohlräume veredeln», Zitat Rittmeyer. Oder: «Warten auf das Dessert.» Auch sein legendärer Hanspeter Brauchle hatte so vor Jahrzehnten seinen grossen Auftritt, als zufällig anwesender Techniker wurde er gerufen, im Altersheim den kaputten Fernseher zu reparieren.

Eine richtig schöne Experimentieranlage

Brauchle ist tatsächlich wieder dabei, aber diesmal läuft es anders. Ein welt- und sprachgewandter Wissenschafter präsentiert sein Videoexperiment mit dem Titel «Presence». Er geht darin einer der grossen Fragen der Menschheit nach: Warum bleibt stets das letzte Stück Konfekt auf einer Platte zurück?

Eine richtig schöne Experimentieranlage ist das, über den Köpfen einer halb zufällig entstandenen, halb gezielt zusammengestellten Runde ist eine Kamera montiert. Da werden Salatteller über den Tisch gereicht, später wird Fisch geschöpft; ja, man schaut sich dieses Programm besser nicht mit leerem Magen an. Und dann eben, irgendwann, ist die Platte da. Gefüllt mit Konfekt.

Das Video ist der rote Faden, die bewegte Kulisse. Rittmeyer erläutert das Geschehen, kommentiert, nutzt handlungsarme Phasen oder Aussetzer in der Übertragung für Bemerkungen zu den am Experiment Beteiligten. Brauchle ist der Gastgeber, mit dabei ist auch Theo Metzler, der schrullige Freigeist, dann Jovan Nabo, ein eleganter Herr mit slawischem Akzent. Rittmeyer stellt sie vor – und er stellt sie dar. Da spielt er wieder seine ganze Kunst der Charakterzeichnung aus, ein Nesteln am imaginären Pullover, und er wird zu Brauchle, ein kurzes Hochschieben der Brille, und Metzler steht da, das slawisch angehauchte Deutsch, und man hat diesen Nabo vor sich. Das geht alles nahtlos inein­ander, das ist das Besondere dieser Programmkonzeption, es ist nicht eine Rahmenhandlung mit eingeschobenen Nummern. Vielmehr ist die Bühne wie eine grosse Website, auf der Rittmeyer mit imaginären Klicks von Szene zu Szene, von Figur zu Figur, von Link zu Link hüpft. Das klassische, archaische Kabarettmuster also, aber adaptiert für moderne Kommunikationstechnik, am Ende besprechen Rittmeyer und Brauchle den Showdown am Handy.

Mit dieser Anlage schafft sich Rittmeyer verschiedene Realitätsebenen, und er öffnet sich die Räume für die typisch Rittmeyer’schen Lebens- und Menschenbeobachtungen. Wann wird eine herumliegende Zeitung zum Allgemeingut? Ist es mit dem letzten Stück Toilettenpapier ähnlich wie beim Konfekt? Warum dieses OK-Nicken am Bancomaten? Und dann diese Macke des Introniesens!

Die Ereignisse überstürzen sich

So hangelt sich Rittmeyer virtuos vom Kalauer über die Groteske und den Sprachwitz zum Tiefsinn. Und immer wieder der Blick auf die Leinwand, denn da tut sich natürlich etwas, die Konfektschale leert sich – und damit bringt Rittmeyer ein Element hin­ein, das nicht primär zum Kabarett gehört, nämlich Spannung, echte Spannung. Zuweilen kann sich das Publikum nicht zurückhalten, da ruft schon mal einer dazwischen, wenn sich hinter Rittmeyers Rücken im Video etwas tut. Grandios, es ist wie im Kasperlitheater.

Am Schluss überstürzen sich die Ereignisse, Rittmeyer analysiert, muss dann von Brauchle am Telefon hören, dass es in Wirklichkeit ganz anders war. Der soziowissenschaftliche Ernst wird lächerlich gemacht durch das ­Absurde, durch das Banale, das Wahre. Aber was bleibt: Was war das für ein heiteres Warten auf das Dessert.

Weitere Vorstellungen: Mi–Sa, 4.–14.1., 20 Uhr, Kellerbühne, St. Gallen. Reservation: kellerbuehne.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.