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JUNGE KÜNSTLER: Kritik an der Konsumwelt im Kunstmuseum St.Gallen

Kurator Lorenzo Benedettis hat sechs junge Künstler eingeladen, im Kunstmuseum St.Gallen vor Ort Skulpturen zu schaffen. Eine gelungene Schau, wo Plastikstühle zu poetischen Skulpturen werden.
Christina Genova
Nina Beiers Arbeit «Mars» zeigt auf: Ohne Asphalt gäbe es keine globalen Warenströme. (Bild: Ralph Ribi)

Nina Beiers Arbeit «Mars» zeigt auf: Ohne Asphalt gäbe es keine globalen Warenströme. (Bild: Ralph Ribi)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Drei Jahre lang passierte nichts. Dann begannen die 2,6 Meter langen Stahlbalken sich zu verformen. Noch weitere zwei Jahre lagen sie in einem Spezialofen, wo sie extremen Temperaturschwankungen von 20 bis 1200 Grad ausgesetzt waren. Erst dann war Raphael Hefti zufrieden. Der in Zürich und London lebende Künstler verwendet häufig Materialien aus der Industrie für seine Werke.

Die perfekte Quaderform der Stahlbarren existiert nicht mehr. Tiefe Schrunden und Furchen durchziehen die einst glatte Oberfläche, die mehr wie verkohltes Holz oder Terrakotta als wie Metall aussieht. Die Belastungen, denen die sechs Balken ausgesetzt waren, entsprechen einem natürlichen Alterungsprozess, wie er über 1000 Jahre hinweg stattfindet. Der kühle Lufthauch, der im Raum zu spüren ist, unterstreicht das Gefühl, einen Blick in die Zukunft, in eine postapokalyptische Landschaft zu erhaschen.

Junge Künstler produzieren vor Ort

Es ist das erste Mal, dass Raphael Hefti diese beeindruckende Arbeit öffentlich zeigt, welche als Zeitraffer funktioniert und Zeugnis der Vergänglichkeit ablegt. Sie ist Teil der Ausstellung «Converter», in der es, wie der Titel schon sagt, um die Wandlungskraft von Kunst geht. Es sind ausnahmslos Skulpturen einer jüngeren Künstlergeneration, die Kurator Lorenzo Benedetti ausgewählt hat: Gabriel Kuri ist mit Jahrgang 1970 der älteste, die 1983 geborene Olga Balema die jüngste der insgesamt sechs Kunstschaffenden. Das ist neu im Kunstmuseum St.Gallen. Dort werden zwar aufstrebenden internationalen Künstlern regelmässig Einzelausstellungen ausgerichtet. In anderen Kontexten sind jüngere Künstler aber bisher wenig präsent. Das scheint Lorenzo Benedetti ändern zu wollen: «St. Gallen ist als Ort für Anfänger wichtig», sagt er. Mit «Converter» legt er ein Jahr nach seinem Amtsantritt die erste von ihm konzipierte Schau vor und führt eine weitere Neuerung ein: Die Skulpturen sind fast ausnahmslos vor Ort entstanden. «Das Museum als schöpferischer Ort interessiert mich sehr», sagt Benedetti. Einzig Pamela Rosenkranz, welche 2015 die Schweiz an der Biennale in Venedig vertreten hat, liefert zwei ältere Arbeiten. Sie überzeugen wenig. So erscheint die Vorstellung, dass mit hautfarbenem Silikon gefüllte Wasserflaschen als Metapher für die von den Getränkekonzernen fragmentierten Konsumenten stehen, als ziemlich abwegig.

Benedetti hat die Werke präzise gesetzt nach dem Prinzip ein Raum, ein Künstler. Besonders gelungen ist dies in den beiden schmalen Seitensälen, die nicht einfach zu bespielen sind. Der Mexikaner Gabriel Kuri bewältigt die Herausforderung gekonnt, indem er eine Skulptur platziert, die wie eine dreidimensionale Zeichnung funktioniert. Ein blaugrün lackiertes Stahlrohr, das Assoziationen an einen Handlauf weckt, geleitet den Betrachter durch den Raum. Das Rohr trifft auf Natur in Form von Steinen und auf die Warenwelt, vertreten durch die Billigprodukte eines Schweizer Grossverteilers. Dabei ergeben sich sowohl farbliche als auch formale Analogien. Es sind vertraute, alltägliche Gegenstände, die im musealen Umfeld eine Verwandlung erfahren und dadurch anders wahrgenommen werden: «Der Alltag spiegelt sich in den Werken wider», sagt Benedetti.

Dies gilt auch für die fünf gebrauchten Monobloc-Stühle aus weissem Plastik, die Michael E. Smith im zweiten Seitensaal aufgestellt hat. Er hat dieses perfekt globalisierte Produkt, das auf der ganzen Welt erhältlich ist, mit LED-Lämpchen versehen. Was geschieht, ist beinahe magisch. Die billigen Plastikstühle, für viele ein Inbegriff von Hässlichkeit, scheinen zu schweben und entfalten eine ganz eigene Schönheit. Im Oberlichtsaal liefert schliesslich die dänische Künstlerin Nina Beier Denkanstösse zu Themenfeldern wie Massentierhaltung, Ausbeutung natürlicher Ressourcen und industrielle Produktion von Lebensmitteln. Dazu kombiniert sie Schokoriegel mit Asphalt und lässt einen mechanischen Bullen sich gegen Behälter mit Milchpulver auf seinem Rücken aufbäumen.

Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen bis 6.5.

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