Junge Frau unter Mordverdacht und alles unter einem guten Stern

Für Anna Stern passte Paris anfangs zwischen zwei Buchdeckel. Sehr viele Maigret-Krimis von Georges Simenon hatte sie gelesen, bevor sie ihren Roman in Paris spielen liess.
Bernadette Conrad
Autorin Anna Stern: Raspelkurze Haare wie ihre Romanfigur. (Bild: pd)

Autorin Anna Stern: Raspelkurze Haare wie ihre Romanfigur. (Bild: pd)

Für Anna Stern passte Paris anfangs zwischen zwei Buchdeckel. Sehr viele Maigret-Krimis von Georges Simenon hatte sie gelesen, bevor sie ihren Roman in Paris spielen liess. Und fast gewinnt man im Gespräch den Eindruck, dass das «echte» Paris, das sie später kennenlernte, gar nicht mithalten kann mit der Stadt der Maigret-Geschichten.

Wir sitzen im Zürcher Café «sphères», inmitten von Büchern: Die richtige Umgebung für einen Bücherfreak wie die 24jährige Anna Stern. Das dunkle Haar millimeterkurz, der Körperbau zart und schmal. Lebhaft und engagiert erzählt sie über ihre Lektüren, über die Entstehung ihres Buches, ihre Herkunft vom Bodensee. Jetzt kommt eine junge Frau zum Vorschein, die in ihrer suchenden Unruhe gleichzeitig auch schon viel Entschiedenes hat. Aufgewachsen ist sie in Rorschach. Hat der See sie geprägt? Doch, sie mag ihn – «die leere Fläche, die Ruhe, und dass er manchmal wie ein Meer ist, wenn man das deutsche Ufer nicht sieht.» Auch in Zürich, wo sie Umweltnaturwissenschaften studiert, mit Schwerpunkt Umweltbiologie, ist sie froh, am Rand der Stadt zu wohnen, wo der Weg in den Wald kurz ist.

Landschaft mit Name und Titel

Auf dem Cover von «Schneestill» eine vage Landschaft, klein in der Bildmitte ein Schwan. Aber auch Name und Titel scheinen eine Art eigener Landschaft nachzuzeichnen: still mit Schnee und Stern. Tatsächlich ist «Anna Stern» ein Name, der Anna Bischofberger irgendwie zuflog; «Unter Kollegen, im Spiel, wurde ich manchmal so genannt – das fing damit an, dass ich eine Mail-Adresse habe, in der Stern vorkommt.» So rutschte Anna Bischofberger wie von selbst hinein in Anna Stern, und das scheint gut zu passen.

Als Anna Bischofberger-Stern kurz vor der Matur stand und sich das Geschenk für ihren Wichtelpartner überlegen sollte, schrieb sie eine Geschichte, in der ein junger Mann, Daniel, darüber rätselt, wieso sich seine Freundin so abrupt und heftig von ihm getrennt hat. Er lässt die Beziehung zu Romi Revue passieren. Dann sucht er einen Freund auf, trifft stattdessen aber auf seine Schwester: «Sie trug ihr Haar ganz kurz, war zierlich, fast schon mager, und hätte, sah man nicht zu genau hin, durchaus auch als Junge durchgehen können. Ihre Augen glommen rabenschwarz, fingen Daniels Blick ein und liessen ihn nicht mehr los. Bodenlose Teiche, gefährlich, provozierend, verführerisch.» Anna Stern erzählt, dass später eine Lehrerin die Kurzgeschichte las und sagte, sie wüsste gern mehr über das Mädchen mit den kurzen Haaren. «In der Geschichte war sie ja nur eine Nebenfigur. Nach der Matur hatte ich Zeit, und so habe ich morgens im Euregio-Gymnasium Romanshorn Nachhilfe gegeben und nachmittags weitergeschrieben.»

Junge Frau unter Mordverdacht

Die Geschichte veränderte sich, wurde zum dritten Teil in einem grösseren Zusammenhang, in dem das Mädchen mit den kurzen Haaren zur Hauptperson Théa wurde – ein junger Mensch, gerade aus dem Gefängnis entlassen, weil er unter Mordverdacht steht.

Mankell, Ian Rankin, Håkan Nesser zählen zu jenen Krimiautoren, deren Bücher Anna Stern verschlingt. «Es ist halt das einfachste Mittel, um Spannung aufzubauen», sagt sie. Spannend ist ihr Buch – dass sie die Geschichte des vorsichtigen Kennenlernens von Théa und Roel, der versucht, von ihr die Wahrheit zu erfahren, auch als Liebesgeschichte andeutet, erhöht die Spannung freilich noch.

Wie passen sie in ihr selbst zusammen – die Naturwissenschaftsstudentin und die Romanautorin? Schon in der Schule waren ihre Interessen breit gestreut. «Alle bei uns lesen», erzählt Anna Stern von den Eltern und den drei Geschwistern, denen sie ihr Buch gewidmet hat. Nach der guten Matur hätte es in alle Richtungen weitergehen können. Tatsächlich versuchte sie es kurz mit Germanistik und Skandinavistik – aber das gefiel ihr nicht. Nun wird sie bald ihren Bachelor in Umweltnaturwissenschaften haben.

Nur keine Eile

Wie es weitergeht? «Das weiss ich noch nicht», sagt sie. Sie hat gerade ihren ersten Roman geschrieben, ihr erstes Interview hinter sich gebracht und ist noch dabei, sich in Zürich einzuleben. Nur keine Eile, möchte man ihr sagen. Es scheint alles unter einem guten Stern zu stehen.

Anna Stern, Schneestill. Roman. Salis 2014, 243 S., CHF 34.80 Vernissage: Do, 30.10., 20 Uhr, Café Treppenhaus, Kirchstrasse 3, Rorschach

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