«Jung & Alt»-Kolumne
Die historische Rolle als Modernisierer der Ehe gehört uns Alten

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt Hasler, weshalb seine Generation moderner ist, als viele Junge behaupten.

Samantha Zaugg
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Ludwig Hasler ist Philosoph und Publizist.

Ludwig Hasler
ist Philosoph und Publizist.

Bild: zvg

Liebe Samantha

Meine Frage, ob bei dir ein Prinz in Sicht sei, kommt bei dir mässig lustig an. Sie war ironisch gestellt, dennoch hast du recht, sie verrät auch, wie der Absender tickt. Wieso nicht Prinzessin?, gibst du zurück und hältst mich in Sachen Ehe und Partnerschaft wohl für vernagelt, fixiert auf hetero. Ob wir Alten uns nichts anderes vorstellen könnten, schiebst du nach.

Also vorstellen konnten wir uns immer allerlei. Schon meine Mutter stellte sich ihr Leben ganz anders vor. Sie träumte vom eigenen Schneider-Atelier. Stattdessen bekam sie sechs Kinder, einen Haushalt ohne Heizung, Waschmaschine, Warmwasser. Eine Ausbildung hatten ihre Eltern verwehrt. Was blieb? Mann und Kinder. Anders war real nicht zu existieren, es kam mit der Zeit sogar recht gut heraus – wenngleich komplett gegen ihre Vorstellung.

So ging es vielen auch meiner Generation. Das Leben war kein Wunschkonzert. Selbstverwirklichung stand weit unten im Programm, wir hatten genug zu tun. Institutionen wie die Ehe dienten als Stützen, sie schützten vor unstetem Wandel, Ruin, Elend. Scheidungen leisteten sich vielleicht Reiche. Alleinerziehen lag ökonomisch nicht drin. Die Kirche gab den Segen, Regie führte die Ökonomie.

Und doch – was haben wir seither die Ehe entschlackt! Eigentlich müssten alle, denen die traditionelle Kernfamilie Erstickungsgefühle auslöst, uns Alten um den Hals fallen. Wir zogen ihr die Zwangsjacke aus, lösten sie aus ihrer existenziellen Notwendigkeit, entkoppelten sie nach und nach von sozialen und moralischen Konventionen. Ehe und Kirche – vorbei. Ehe und Mitgift – war einmal. Ehe und Männervorrechte – Schluss jetzt. Ehe und Kinder – nach Wunsch. Ehe und lebenslange Monogamie – überholt. Ehe und Sex – fakultativ. Gerade fällt die letzte Verbindung: Ehe und heterogene Geschlechter.

Auch wenn die «Ehe für alle» kaum unser dringendstes Anliegen ist: Die historische Rolle als Eheveredler gehört uns. Nach und nach entkalkten wir sie, bis heute bleibt, was die meisten erstreben: das Glück einer dauerhaften Beziehung – frei von konventionellen Anpassungshürden. Wie lebt ihr Jungen mit der Freiheit? Macht sie auch Druck?

Ich lese: «Bindungskrise». Erzeugt Freiheit Erwartungsdruck? Ein 28-Jähriger erzählt, er habe ungezählte Beziehungen hinter sich, dito Trennungen, jedes Mal ein Schlag fürs Ego, verletztes Selbstwertgefühl, Beziehungsüberdruss. Hatte ich es am Ende leichter? Beziehungen waren für mich mehr Schicksal als Absicht und Plan. Mit dem Schicksal muss man zusammenarbeiten, klar, aber man braucht auch etwas Glück.

Wie es im wirklichen Leben läuft, das wirst du mir sagen.

Ludwig